Nationale Solidaritätsprogramme für den Wiederaufbau

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Alle Artikel stammen vom BBC-Korrespondenten Khaled Ansari in Kabul in der Sprache Dari, ins Deutsche übertragen von 
Dr. Mir Hafizuddin Sadri

BBC 26.04.03

Die afghanische Übergangsregierung traf Vorbereitungen zu einem landesweiten großen Wiederaufbauprogramm unter dem Titel „Nationales Entwicklungsprogramm“, das aus sechs Teilprogrammen besteht.

  1. Nationale Entwicklungsprogramm für den Wiederaufbau

  2. Arbeit und Beschäftigung

  3. Straßenbau

  4. Bildung und Erziehung

  5. Gesundheitswesen

  6. Wasser und Strom

 

I. Teil: Nationale Entwicklungsprogramme

Der erste Teil des Programms unter dem Motto „Nationale Solidarität“  widmet sich der Bekämpfung der Armut und den Auswegen aus derselben. Der zweite Teil ist der Verbesserung der medizinischen Diensten, der Erziehung und Bildung zugewiesen. Transportswesen, Investitionen in Bereichen der Wasserversorgung sowie der Infrastruktur und des Bauwesens sind die weiteren Bestandteile des Mammutprogramms.

Der sechste Teil bestimmt die Schaffung der Grundlagen zur Festigung und Ausweitung des Staatswesens im ganzen Land.

Armutsminderung ist das wesentliche Vorhaben, das das Ministerium für den Wiederaufbau und die Entwicklung der Dörfer als erstes verwirklichen wird. Dessen Ressortchef Mohammad Hanief Atmar sagte: „ Die Dorfbewohner sind bei dem Entwurf, der Verwirklichung und der Qualitätssicherung der Programme beteiligt. Die Regierung spielt eine fördernde Rolle, um Erleichterungen für die finanzielle Sicherheit zu gewährleisten. Das Programm sieht vor, im laufenden Jahr 4000 afghanischen Dörfern in den kommenden drei Jahren ein finanzielles Startkapital zu gewähren. Demnach werden jedem Dorf 20 000 US Dollar bzw. jeder Familie 200 US Dollar zur Verfügung gestellt. 

Said Taheb Jawad, Leiter der Behörde zur Armutsbekämpfung, erhofft sich „die Realisierung dieses Programms, damit die Einwohner in den entlegensten Dörfern des Landes von dieser einmaligen Chance profitieren können.“ Er fügte hinzu, dass dort Prioritäten gesetzt werden, wo die Gegenden aufgrund der Dürreperiode besonders stark betroffen sind. Said Taheb Jawad ist der Auffassung, dass diese Vorgehensweise die nationale Solidarität und das Gefühl der Bevölkerung, von der Regierung ernst genommen zu werden, überall stärken wird.  

Die Landwirte in dem Dorf Khaer Abad und in den Distrikten von Tscharassiab sowie in der Provinz von Kabul brachten ihre unterschiedlichen Auffassungen über die Art und Weise der beabsichtigten finanziellen Zuwendungen zum Ausdruck. Der Landwirt, Scheich Mohammd, meinte, dass er von dem Darlehen der Regierung, falls er dies erhält, Düngemittel besorgen wird. Anwar werde von diesem Darlehen sein Haus wiederherrichten, das während des Krieges zerstört worden ist.

Nationale Solidarität mit nationalem Darlehen?

Haben die beiden Landwirte offenbar das Programm der nationalen Solidarität mit dem nationalen Darlehensprogramm verwechselt?

Abdul Rahim Zarin, Leiter der Abteilung für kulturelle Beziehungen des Ministeriums stellte allerdings diese Verwechselung klar: es handelt sich um zwei verschiedene Programme. Die nationale Armutsbekämpfung ist ein gemeinnütziges Programm, dessen Zuschüsse ohne Gegenleistung erfolgen. Die Finanzierung wird von der Weltbank garantiert, die die Zuwendungen der Völkergemeinschaft für den Wiederaufbau Afghanistans verwaltet. Das „Nationale Darlehensprogramm“ allerdings stellt lediglich Kredite zur Verfügung, die nach dem Ablauf der Leihfrist zurückzuzahlen sind.

Der Minister für Wiederaufbau und Entwicklung der Dörfer erklärt die Modalitäten des Programms: „Um es realisieren zu können, sieht die Regierung vor, die staatlichen und nichtstaatlichen, privaten und öffentlichen Institutionen mit örtlichen Kenntnissen und Organisierungserfahrungen daran zu beteiligen.“ Der Minister setzt fort, dass diese Institutionen eine Zeit lang in bestimmten Dörfern arbeiten werden, damit die Dorfbewohner in ihren bestehenden gesellschaftlichen und sozialen Strukturen stärken werden. Dabei lernen sie die Prioritäten des Wiederaufbaus kennen und werden ihre eigene Entscheidung treffen.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen  (UNDP) und das Büro zur Koordination der internationalen Hilfen für Afghanistan sind weitere Sponsoren der afghanischen nationalen Solidaritätsprogramme.

Einem Mitarbeiter der UNO zufolge sollten diese Programme die afghanische Regierung bei dem Wiederaufbau des Landes stärken.

Offensichtlich werden die Programme zunächst in 5 Provinzen durchgeführt. Aber in anderen Provinzen wie Farah, Herat, Bamian, Kandahar und Parwan sind einige kritische Stimmen laut geworden. Sie begründen ihre Einwände damit, dass die Einnahmen dieser Provinzen größer sind als die der übrigen Provinzen des Landes wie Badachtschan, Badghiz und Ghor.

Der zuständige Minister Mohammad Hanief Atmar wies diese Einwände zurück, in dem er behauptet: „Die Einwände berücksichtigen möglicherweise die Lage der Städte.“ Er sagte weiter: „Bei der Auswahl der Dörfer sind zwei wesentliche Gründe wie Schwere der Armut und die Anzahl der Flüchtlingsrückkehrer berücksichtigt worden“. Gestartet ist die Maßnahme in der Provinz Farah. Die Dorfbewohner haben ihre Wünsche wie den Bau von Schulgebäuden, Krankenstationen und Brücken dem Leiter des dortigen Programms, Ing. Abdul Rauf, mitgeteilt. Die Einwohner befürchten, Machthaber vor Ort können diese Hilfen konfiszieren. Der zuständige Minister beruhigte aber die Einwohner, dass die Regierung zur Verhinderung solcher gewaltsamen Handlungen bereits geeignete Maßnahmen getroffen habe. Der Minister setzt fort, dass die Beträge von Räten verwaltet werden, die von den Einwohnern gewählt wurden. Die Verträge werden in direkter Weise mit den dortigen Einwohnern abgeschlossen.

 Trotz der präventiven Maßnahmen der Regierung gibt es einige Kritiken. Mortaza Neekzad, Leiter des Parlamentarischen Büros des Präsidenten sagte z.B.: „Bevor wir jedem Dorf 20 000 Dollar zur Verfügung stellen, hätten wir uns über die Bedürfnisse und Schwere der Armut erkundigen müssen“. Es sei noch nicht klar, ob diese Beträge für die Bekämpfung der Armut in den Dörfern ausreichend sind. Kritiken gibt es auch deshalb, weil dem Ministerium für den Wiederaufbau Afghanistans an der Verwirklichung dieser Programme keine Rolle zugewiesen wurde.  

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II. Teil   Arbeit und Beschäftigung

Vom BBC-Korespondent Khaled Ansari in Kabul

Das nationale Solidaritätsprogramm ist eines von den sechs Mammutsprogrammen der afghanischen Regierung zum Wiederaufbau des Landes. Die Arbeits- und Beschäftigungspläne sind bekannt gegebenen. Demnach werden Tausende von Menschen landesweit befristet eingestellt werden. In 20 Provinzen sind die Programme bereits vor 3 bis 5 Monaten angefangen. Hauptziel des Programms ist die Renovierung der nichtasphaltierten Straßen in den Dörfern des Landes. Die landesweiten Beschäftigungsmaßnahmen für kurzfristige Wiederaufbauprojekte werden von dem Ministerium für öffentlichen Dienst (Nutzen) in Zusammenarbeit mit der UNO durchgeführt. Derzeit arbeiten über 27 000 Menschen in 20 Provinzen am Wiederaufbau von Nebenverbindungsstraßen in den dörflichen Gegenden Afghanistans.

Sayed Hossein Schah, Berater im Ministerium für öffentlichen Dienst und zuständig für die Beschäftigungsmaßnahmen der Sofortprogrammen (LIWP) informiert, dass das ganze Land in acht Bezirke unterteilt ist, um die Arbeiten effizient durchzuführen. Für jedes Gebiet werden jeweils ein Projektleiter sowie ein Ingenieur als technischer Leiter zuständig sein, die mit weiteren vier Ingenieuren vor Ort die Maßnahmen managen.

Nach dem Ende des Krieges legten Tausenden von Afghanen ihre Waffen nieder und kehrten zu ihrem gewohnten Leben in den Dörfern zurück, von denen viele seit über einem Jahr arbeitslos sind. Ein Ziel der landesweiten Maßnahmen ist es, diese Menschen täglich mit zwei Dollar zu beschäftigen, damit sie mit diesem Geld ihre Grundbedürfnisse bestreiten. Sayed Hossein Schah erklärt, dass das Programm auch andere Ziele verfolgt: „Wir werden mit dem Straßenwiederaufbau die Dörfer mit Distrikten und die Distrikten mit den Städten und Provinzen verbinden. Das hilft uns, die Erzeugnisse der Bauern in die Städte zu transportieren. Ebenfalls wird die Transportgrundlage der Hilfsgüter für das Region geschaffen.

Obwohl die Arbeiten mit der Beschäftigungsmaßnahme vor drei Monaten angefangen sind, geben die Verantwortlichen kaum koordinierte und verbindliche Informationen bekannt.

Bereits zu Beginn der Bekanntgabe der nationalen Entwicklungsprogramme teilte der afghanische Finanzminister Aschraf Ghani Ahmadzai die Beschäftigungsmaßnahmen in zwei Bereiche und sagte: „Bei der ersten Maßnahme handelt es sich um Beschäftigung  für den Bau der Nebenverbindungsstraßen und kleinen Brücken. Bei dem nächsten Programm geht es um die Reinigung von Bewässerungskanälen. Beide beschaffen Beschäftigungsmöglichkeiten für dörfliche Einwohner in entlegensten Gebieten des Landes.“

Doch die angefangenen Arbeiten mit dem Bau von Nebenstraßen werden mit Schaufeln und Spitzhaken und ohne erforderliche technische Möglichkeiten erledigt, so dass die Verantwortlichen meinen, derzeit stünden der Brückenbau und die Rekonstruktion von Bewässerungskanälen nicht auf der Tagesordnung. Über die Modalitäten der Programmdurchführung differieren Meinungen. Einige sind davon überzeugt, dass die Straßen nicht mit Schaufeln und Spitzhacken gebaut werden können. Sie vertreten die Auffassung, dass die Ausgaben für solche Arbeiten nur noch Zeit- und Geldverschwendung seien. Scher Mohammd Tazri, Finanzexperte in der afghanischen Akademie der Wissenschaften sagt darüber aus:“ Sollte es vorgesehen sein, die Straßen zu bauen, dann sollte ihre Rekonstruktion fundamental geführt werden. Arbeiten mit primitiven Werkzeugen sind nur noch Zeitverschwendung und nicht ergebnisorientiert.“

Obwohl Hamidullah Faruki, ein Fachmann für das Finanzwesen, der Beschäftigungsmaßnahme nicht ablehnend gegenüber steht, vertritt er die Auffassung, dass die Ausgaben für die Rekonstruktion der nichtasphaltierten und leicht renovierungsbedürftigen Straßen keine unangebrachten Leistungen sind.

Es ist noch nicht bekannt, was die landesweiten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in den insgesamt einjährigen Sofortprogrammen des Wiederaufbaus in den nächsten neun Monaten (des afghanischen Kalenders, 21. März = Neujahr - Ü) kosten, wie viele Menschen eingestellt und wer die Finanzen überwachen wird.

Dazu nimmt Sayed Hossein Schah, zuständig für das Programm (LIWP) Stellung: „Seit der letzten drei Monaten wurden über 3 Millionen US-Dollar ausgegeben. An dem Programm wurden mehr als100 000 Menschen in zwanzig Provinzen beschäftigt. In den Gegenden, in denen die Maßnahmen realisiert werden, haben wir Räte von örtlichen Einwohnern zum Wiederaufbau gegründet. Diese Räte dirigieren Teile der Maßnahmen. Für jede Periode können im Rahmen der Beschäftigungsmaßnahmen Menschen für Dauer von 20 Tagen, höchstens für einen Monat, eingestellt werden. Mit dieser Rotation können andere Arbeitslose auch von dieser Gelegenheit profitieren, beschäftigt zu werden.“

Somit kann jeder Bewerber in seinem Dorf für 20 Tage an dem Straßenwiederraufbau des Landes teilnehmen und täglich 2 US-Dollar erhalten. Gelingt einem Arbeitslosen nicht, in der nächsten Periode weiterbeschäftigt zu werden, so bleibt ihm nicht anderes übrig, als ein Jahr lang mit 40 Dollar auszukommen.

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III. Teil  Straßenbau

Große Nationale Entwicklungsprogramme III. Teil: Straßenbau

Vom BBC-Korrespondenten Kheled Ansari, Kabul 

Der dritte Teil des aus sechs Programmen für den Wiederaufbau bestehenden Mammutprogramms („Nationale Entwicklungsprogramme“) konzipierte die afghanische Übergangsregierung für den Bau und Renovierung der großen Verbindungsstraßen zwischen den Städten Afghanistans. Das Programm wird als die wichtigste Maßnahme zum Wiederaufbau des Landes bezeichnet. Die Regierungsstellen glauben, dass der Neu- und Wiederaufbau der vom langjährigen Krieg zerstörten Straßen die Voraussetzungen für die Realisierung der anderen Wiederaufbaumaßnahmen der Regierung ermöglichen werden. 

Abdullah Ali, der für den Straßenbau zuständige Minister (Minister für öffentliches Nutzen) stellt fest: „Solange es keine Straßen gibt, können wir keine weitere Entwicklung erwarten. Die Sponsoren diagnostizieren ebenfalls diese Priorität.“ Minister Ali führt fort: „Das große Programm des Wiederaufbaus ist vor Monaten mit einer Anfangsaktion mit Kosten von 25 Mio. US Dollar gestartet, und zwar wird eine 150 km lange Straße die im Süden des Landes gelegene Bezirkstadt Esepin Boldak mit der Grenze zu Pakistan verbinden.“. Minister Ali nennt das laufende Jahr ein Jahr, in dem die Konzepte der Regierung zum Bau von Straßen bewerkstelligt werden. 

Aber warum wurden diese Maßnahmen im vergangenen Jahr nicht – wie erwartet - begonnen? 

Straßenbauminister Ali antwortet: „Die Fertigstellung von selbst 100 km Straßen bedarf einer Zeit von über einem Jahr.“ 

Die einfache Bevölkerung misst dem Straßenbau auch eine gebührende Bedeutung zu, wenn „Dawa Khan“, ein Bewohner der Provinz „(Z)Sabol“, der kürzlich über Kandahar nach Kabul kommend behauptet: „Mit dem Wiederaufbau der Straßen werden die Reisekosten enorm sinken und die Fahrzeuge bekommen weniger Pannen, was zu weiterer Preissenkung führt.“ 

[William Taylor], ein Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft in Kabul wies auf die Wichtigkeit des Wiederaufbaus der Straßen hin und drückte die Freude seiner Regierung darüber aus, dass ein afghanischer Kollege in diesem Bereich dabei ist. W. Taylor sagte: „Die Vorteile der Straßen können vielfältig sein. Im wirtschaftlichen Bereich profitieren davon Handel und Märkte, die sich neu erschließen. Wie die älteren Dorfbewohner mir mitteilten, kann die Fertigstellung der Straßen für ihre Gesundheit und Sicherheit gewinnbringend sein.“ Er ist davon überzeugt, dass der Bau der großen Verbindungsstraßen politische Effizienz hat. Er fügte hin zu, dass diese Arbeit (der Straßen von Kabul-Kandahar) Ende des Jahres beendet sein werde und im kommenden Jahr werde man mit saudi-arabischen Kollegen die Arbeit am Bau der Straße Kandahar-Herat fortsetzen. 

Das Straßenbauprogramm der Übergangsregierung gliedert sich in vier Teilkomplexe. Der erste Bereich, „Djada e Halqawi“,„Ring Road“ genannt, ist die Straße von Kabul nach Kandahar im Süden und führt nach Westen weiter nach Herat und von dort aus nach Bad Ghies und verbindet Maimanah mit der Stadt Mazar e Scharif im Norden des Landes. Die Stadt Mazar e Scharif  verbindet die Straßen mitten in Hindukusch durch den Salang Pass wieder mit Kabul. Die Länge der Strecke beträgt insgesamt 2300 km und bedarf eines größeren Arbeitsaufwands und höher Kosten. Offenbar ist die afghanische Regierung mit dem Problem der Finanzierung nicht konfrontiert. USA, Japan, EU, Weltbank und Saudi Arabien haben bis jetzt über 300 Millionen US-Dollar für den Straßenbau überwiesen. 

Vor vier Monaten ist mit der Arbeit an dem ersten 50 km langen Straßenabschnitt von Kabul nach Kandahar begonnen worden, die in den kommenden Monaten ihrer Bestimmung übergeben werden soll. 

Der zweite Komplex des Straßenbauprogramms umfasst die Strecken, die Afghanistan mit seinen Nachbarstaaten (Iran, Pakistan, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenien) mit ihren acht großen Handelszentren an den Grenzgebieten verbinden. Die Vollendung dieser Arbeiten wird auf diverse Hindernisse stoßen, u.a. auf das Problem mit Tausenden von an der Straßen gelegten Minen. 

[Jan Francois Kotan], Mitglied der Europäischen Kommission sagt vorher, dass der Wiederaufbau von Straßen ein langwieriger Prozess und dessen Anfang eine spezifische Eigenschaft zur Stabilität in Afghanistan sei, zumal er die Säuberung der Minen entlang der Straßen als eine der schwierigsten Aufgabe anführt. Er sagt: „Die Minen erlauben uns nicht, Arbeiten rasch zu verrichten. Wir sind auf die vorherige Räumung der Minen angewiesen.“ 

Die Europäische Union fördert den Wiederaufbau der Straße von Kabul nach Djellalabad mit einer Summe von 90 Millionen US-Dollar. 

Sarwar Hemati, ein aus Djellalabad stammender Bewohner, berichtet über seine Reisetour nach Kabul: „Die Fundamente der Straßen (Kies) und das Einebenen der Strecke sind zwar inzwischen fertiggestellt worden, jedoch hoffe ich, dass auch bald das Asphaltieren beendet sein wird.“ 

Die Straße vom Salang-Pass, die zu den Nordprovinzen führt und eine der wichtigsten Straßen des Landes ist, war aufgrund des starken Schneefalls im vergangenen Winter oftmals für den Verkehr gesperrt worden. Einige Reisende kamen dabei ums Leben. Die Renovierung dieser 180 km langen Straße, von Kabul bis Doschi, wurde in der ersten Phase des Wiederaufbaus in Angriff genommen. Der im Herzen des Hindukusch und mitten auf dieser Straße liegende Salang-Tunnel ist während der bewaffneten Gruppenkämpfen zerstört worden. Seit dem Herbst vergangenen Jahres ist mit der Renovierung dieses Tunnels eine Arbeitsgruppe aus der Türkei beschäftigt. Dass die Wiederaufbauarbeiten am Tunnel nicht erfolgversprechend waren, so der für den Straßenbau verantwortliche Minister, lag an der Kälte des Winters. 

Zu dem dritten Komplex gehört der Wiederaufbau bzw. die Renovierung der Verbindungsstraße von Kabul nach Herat durch die Zentralprovinzen des Landes, die in der zweiten Phase des Straßenwiederaufbaus stehen. Sämtliche Straßen, die die Städten miteinander verbinden, gehören zu der vierten Kategorie, die in erster Linie wiederaufgebaut werden.

Afghanistan verfügt über ein 20 000 km langes renovierungsbedürftiges Straßennetz.

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IV. Teil „Mahref“ (Erziehung und Bildung)

Vom BBC-Korrespondenten Khaled Ansari in Kabul 

Der Wiederaufbau von „Maharef“ (Erziehung und Bildung) ist der wichtigste Teil der sechs großen nationalen Regierungsprogrammen für den Wiederaufbau des Landes. Ziel der Regierung ist es, Maßnahmen zu treffen, um das Niveau der Bildung und Erziehung landesweit anzuheben. Im laufenden Schuljahr (ab 21.März) werden 5 Mio. Kinder in 6500 Schulen unterrichtet. Manche der Einrichtungen besitzen kaum intakte Gebäude. Die Kinder lernen unter provisorischen Zelten, in ruinierten Klassenzimmer oder auf dem Schulhof. 

Ungeachtet aller dieser Schwierigkeiten sagt das Ministerium für Erziehung und Bildung voraus, dass es möglich ist, dass mit den Neueinschulungen der repatriierten Flüchtlingskinder die Anzahl der Schüler und Schülerinnen auf 6 Mio. ansteigt. 

Die Regierung und die UNO begrüßen zwar das Interesse der Bevölkerung an der schulischen Bildung ihrer Kinder sehr, dennoch ist das Ministerium für „Mahref „ besorgt, wie es zu schaffen sein wird, diese große Zahl der Lernenden mit lediglich 85.000 Lehrenden zu bewältigen.“ 

Deshalb ist die Hauptintention des Bildungsplans der Regierung, zunächst Lernmittel und Lehrbücher zur Verfügung zu stellen, die Anzahl der Lehrer zu erhöhen und den Wiederaufbau der ruinierten Schulgebäude in Angriff zu nehmen.  

Der Vizeminister für Bildungswesen sagt: „Ein weiteres Problem, mit dem das Erziehungsministerium konfrontiert ist, ist der Mangel an Fachlehrern. Das Ministerium sieht deshalb vor, aus jedem Dorf einen Lehrer nach Kabul zu beordern, damit diese hier an einer zweimonatigen Sonderfortbildung für Lehrer teilnehmen. Bei der Rückkehr in ihre Dörfer könnten sie als Multiplikatoren für ihre Kollegen und Kolleginnen fungieren. 

Im vergangenen Jahr sind mit der Unterstützung der Kinderschutzorganisation der Vereinten Nationen UNICEF, der Vereinigten Staaten von Amerika, Japan, Deutschland, Frankreich und der internationalen Sicherheitskräfte ISAF 600 Schulen in Afghanistan landesweit und insbesondere in Kabul wiederaufgebaut worden. 

Mohammad Yonus Qanuni, Minister für Erziehung und Bildung, sagte: „Wir haben in jeder Provinz 65 Schulen wiederaufgebaut und haben vor, jeweils 12 weitere neu zu errichten. Im laufenden Jahr werden 2710 Schulen renoviert werden, um Schüler aufzunehmen.“ 

Ein weiteres wesentliches Dilemma des afghanischen Erziehungswesens ist das Fehlen eines landesweiten Curriculums. 23 Jahre Krieg und Unruhe sind dafür verantwortlich, dass unterschiedliche Curricula gelten. Ein Ziel der nationalen Regierungsprogramme für den Wiederaufbau sei es, die bisherigen Lehr- und Lerninhalten zu ändern und ein einheitliches Curriculum zu entwerfen. 

Der Vizeminister für Erziehung sagte: „Wir haben die von Hilfs- und Widerstandorganisationen herausgegebenen Schulbücher, mit denen bis jetzt in den Bildungseinrichtungen des Landes unterrichtet wurden, landesweit eingesammelt. Statt dessen haben wir ein einheitliches Unterrichtssystem erstellt.“

Er fuhr fort: „Die Perioden, in denen Inhalte wie Widerstand und Krieg unterrichtet wurden, sind vorbei. Heute werden die bildungspolitischen Erfordernisse der afghanischen Gesellschaft und der Welt wie Nationale Einheit, Frieden, Gefahren von Drogenkonsum, Kampf gegen Terrorismus und das Bewusstsein für die Menschenrechte im Curriculum berücksichtigt. Auch in der Didaktik sind nennenswerte Stiländerungen vorgenommen. In der neuen Unterrichtsmethodik wird auf den Unterrichtsstoff im Vortrag eingegangen. Der Wert von Klassenarbeiten und Hausaufgaben wird erhöht. Es ist vorgesehen, jeden Monat Lernziele bei den Lernenden festzustellen. Aber einige Lehrer und Schüler sind mit den Maßnahmen des Ministeriums unzufrieden und behaupten: „es ist eine Zeitverschwendung, sich jeden Monat einer Prüfung zu unterziehen und die Leistungsergebnisse zu korrigieren.“ 

Der Mangel an Lehr- und Lesebüchern ist eine andere Notlage im Bildungswesen. Die im vergangenen Jahr seitens der amerikanischen Universität in Nebraska gedruckten Auflage deckt jedoch im Verhältnis zur Schülerzahl den Bedarf an Schulbüchern nicht. Viele Schüler , selbst in Kabuler Schulen, bekamen keine Schulbücher.

18 Mio. Bücher zu drucken, die mit der Unterstützung der Entwicklungsbehörde der Vereinigten Staaten von Amerika herausgegeben werden, gehört zu der großen Wiederaufbaumaßnahme im Bildungswesen. 

Warum sind die Bücher nicht termingerecht gedruckt? 

Laut Vizeminister Marastial ist ein Mangel an Papier der Hauptgrund für diese Verzögerung. Er begründete es: “Wir haben mit der amerikanischen Entwicklungsbehörde einen Vertrag über die Bereitstellung der Schulbücher unterzeichnet. Nach Überprüfung unterrichteten sie uns jedoch, dass das erforderliche Papier in Afghanistan nicht vorhanden sei. Daher sahen sie sich gezwungen, die Bücher in Indonesien herauszugeben, weshalb mehr Zeit benötigt wird.“

Der Vizeminister setzte fort: „Nun ein Teil der Bücher wurde dem Ministerium zur Verfügung gestellt. In einer Woche wird der Rest in Afghanistan angeliefert worden sein.“

Allerdings meinen die Fachleute, dass dieser Umstand die Einführung des neuen Curriculums in Afghanistan stark beeinträchtigt habe. 

Najiebullah, Mitglied des Instituts für Lektorat und Übersetzung im Erziehungsministerium ist der Ansicht, dass „das Curriculum erst dann greifen kann, wenn den Lernenden Schulbücher zur Verfügung gestellt werden.“ 

Das Erziehungsministerium benötigt 200 Mio. US$, um Schulgebäude wiederaufzubauen. Es verfügt z.Z. aber über 86 Mio. US Dollar aus Zahlungen, die die hilfeleistenden Länder zum Wiederaufbau Afghanistans gezahlt haben.

Das Fehlen von über 110 Mio. US Dollar könnte den Ablauf des großen Wiederaufbauprogramms erheblich beeinträchtigen. 

Unterdessen setzten in südlichen Gegenden des Landes einige Kräfte die Mädchenschulen in Brand. Dieses und vieles mehr wie etwa das komplizierte Unterrichtsmaterial, der Mangel an Fachlehrern sind als weitere Hindernisse auf dem Wege des Wiederaufbaus im Schulwesen in Afghanistan betrachtet. 

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V. Teil : Gesundheit

Von dem BBC-Korrespondenten Khaled Ansari in Kabul, am 7.6.03

Der V. Teil des Mammutprogramms der afghanischen Regierung zum Wiederaufbau des Landes, das aus sechs eigenständigen Maßnahmen besteht, befasst sich mit dem Wiederaufbau des Gesundheitswesens; hauptsächlich Maßnahmen zur Prophylaxe von ansteckenden Krankheiten und Epidemien sowie die Verminderung der Mortalitätsraten bei Mutter und Kind.

Hunderte von Menschen sterben jährlich aufgrund von Magen-Darm-Erkrankungen sowie wie Tuberkulose und Malaria.

Abdullah Scherzai, Generaldirektor für Planung und gesundheitspolitische Strategie im Gesundheitsministerium behauptet, dass 90% der gegenwärtigen Notlage im Gesundheitssystem die Mortalität ausmacht, so dass von 100 000 Frauen 1600 während ihrer Niederkunft und jedes fünftes Kind vor seinem fünften Lebensjahr aufgrund von ansteckenden Krankheiten sterben.

Aber wie kann die hohe Mutter-Kind-Sterblichkeitsrate bekämpft werden?

Nach den zuständigen Beamten im Gesundheitsministerium werden der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wegen ihrer Erfahrungen Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung gestellt, um die Bevölkerung bei der Durchführung der Maßnahmen zu unterstützen.

Abdullah Fahim, Direktor für Qualitätssicherung und Kontrollwesen im Gesundheitsministerium verdeutlicht, dass die Sponsoren des Landes endlich zustimmten, künftig ihre Zuwendungen der afghanischen Regierung im Rahmen ihrer konzipierten Maßnahmen zur Verfügung zu stellen. Der Direktor teilte mit, die afghanische Regierung sei in der Vergangenheit über die Höhe der Zuwendungen an die NGOs nicht informiert worden. Doch in der Zukunft werden sämtliche ausländischen Hilfen durch Regierungskanäle und auf der Grundlage der Regierungsentwürfe koordiniert.

Im vergangenen Jahr haben die UNO und das Gesundheitsministerium erste Maßnahmen gegen die Kinderkrankheiten und Sterblichkeitsrate bei Schwangeren getroffen.

Hedaitullah Estankzai, der Generaldirektor für Organisation und administrative Angelegenheiten im Gesundheitsministerium hebt den Erfolg der Regierung hervor, dass inzwischen 6 Mio. Kinder gegen Kinderlähmung, 7 Mio. Kinder gegen Röteln und 700.000 Mütter gegen Tetanus geimpft worden sind.

Von den beiden Pharmakonzernen Höchst und Ibn Sina (Avicenna) ist lediglich ein Teil der Produktionsstätte der Firma Avicenna neulich wiederaufgebaut, deren Produktion den Bedarf an Medikamenten in Afghanistan bei weitem nicht deckt.

Der Direktor für Qualitätssicherung und Kontrollwesen im Gesundheitsministerium geht davon aus, dass die Firma Höchst ihre Produktion in Afghanistan nicht aufnehmen wird, da sie ihre Konzession nicht verlängert und aufgrund der Investitionsprobleme ihre Produktion in Afghanistan eingestellt hat. Da die Firma Avicenna den Bedarf an Arzneimittel nicht decken kann, setzte Direktor Fahim fort, ist das Land auf die Einfuhr von Medikamenten aus den Nachbarstaaten (Iran und Pakistan) angewiesen. Ferner ist die Regierung noch nicht imstande, den Import und Verkauf von Medikamenten zu kontrollieren. Einige Läden sollen Medikamenten verkauft haben, deren Verfallsdatum überschritten ist, berichtete der Direktor für Qualitätssicherung und Controlling im Gesundheitsministerium und setzt seine Rede fort: ein weiteres Dilemma, dem das Volk ausgesetzt ist, ist der Mangel an Gesundheitszentren. Vor dem 23jährigen Krieg gab es 176 Krankenhäuser und ca. 1000 Kliniken im Lande. Heute sind es nur noch 96 Krankenhäuser und eine beschränkte Anzahl von Kliniken, die reaktiviert worden sind. Der Rest ist entweder zerstört worden oder hat wegen Mangel an Personal und Material die Arbeit eingestellt. Für die nächsten drei Jahren ist im Regierungsprogramm lediglich nur noch der Bau eines Krankenhauses berücksichtigt worden. Mit einer Summe von 30 Mio. US-Dollar, die die internationale Entwicklungsbehörde der Vereinigten Staaten von Amerika (USAID) dem Gesundheitswesen zur Verfügung gestellt hat, soll 500 Kliniken landesweit gegründet werden.

Der für die Planung und gesundheitspolitische Strategie zuständige Generaldirektor Abdullah Scherzai kündigte an, dass das Entwicklungsprogramm der Regierung vorsieht, in 24 Provinzen des Landes medizinische Dienste zu errichten.

Wie sehen die Krankenhäuser aus, die vom Krieg relativ verschont geblieben sind?

In der ehemaligen 200-Betten-Polyklinik Ali Abad, die inzwischen von dem Kabuler Universitätsviertel Ali Abad umgezogen ist und die vor Ausbruch des Bürgerkriegs vor 10 Jahren eine der modernsten und bestausgestatteten Kliniken des Landes war, behandelt heute mit sehr bescheidenen Mitteln und Möglichkeiten 300 Patienten täglich. Einige Patienten beklagen sich über den Mangel an Geräten und über die hygienischen Verhältnisse u.a. über Insekten.

Das Hauptproblem des Personals in diesem Krankenhaus und in allen Krankenhäusern des Landes besteht darin, dass sie mit wenig Geld viel arbeiten. Dr. Nader Aksier, Chef des Krankenhauses Ali Abad, informierte, dass deshalb die Fluktuation unter den Ärzten groß sei. Die Ärzte arbeiten in Ali Abad rum um die Uhr und werden nicht nur nicht entsprechend ihrer Leistung vergütet, sondern ihre Vergütungen werden auch bis zu sechs Monaten nicht ausgezahlt. Die Regierung bietet kostenlose medizinische Dienste an, die zum einen die Qualität, zum anderen die Glaubwürdigkeit der Dienste stark beeinträchtigt haben.

Die Krankenhäuser und Gesundheitszentren des Landes können ihre Arbeit nur solange fortsetzen, wie sie vom Ausland unterstützt werden.

In diesem Zusammenhang sagte Hedaitullah Estankzai, der Generaldirektor für Organisation und administrative Angelegenheiten im Gesundheitsministerium, dass „die Regierung in einigen Woluswali (Bezirken) des Landes einen Modellversuch gestartet habe, indem man  Eigenanteile mit einbezieht. Falls das Ergebnis des Modellversuchs positiv ausfällt, werden kostenpflichtige medizinische Dienste landesweit eingeführt.“

Doch die Fachleute sind der Auffassung, dass die Situation der medizinischen Dienste durch die Errichtung von privaten Gesundheitszentren verbessert werden könne. Der Generaldirektor für Qualitätssicherung hat nichts gegen diese Errichtung. Während des Krieges mussten viele afghanische Ärzte das Land verlassen; sie leben derzeit im Ausland. „Allein in Deutschland sind über 200 afghanische Ärzte niedergelassen. Seit über einem Jahr haben afghanische Regierungsstellen wiederholt die afghanischen Fachleute im Ausland aufgerufen, ins Land zurückzukommen. Da die Voraussetzungen für eine Arbeitsaufnahme im Lande jedoch noch nicht gegeben sind, ist der Prozess der Übersiedlung bislang nicht zufriedenstellend vonstatten gegangen.

Unterdessen behaupten die zuständigen Stellen des Gesundheitsministeriums, dass sie über den Mangel an Ärzten in Afghanistan nicht besorgt sind. Der die Gesundheitsqualität sichernde Direktor Abdullah Fahim stimmte zwar dieser Aussage zu, jedoch meinte er, dass die Qualität des Medizinstudiums in den medizinischen Fakultäten des Landes stark nachgelassen habe, so dass eine Mehrzahl von frisch ausgebildeten Ärzten die gesellschaftlichen Schwierigkeiten noch weiter ausdehnten statt sie zu bewältigen. Direktor Fahim zufolge ist das Grundproblem des afghanischen Gesundheitswesens der Mangel an Krankenpflegern und medizinischem Kader.

Der Etat des Gesundheitsministeriums in Afghanistan ist im laufenden Jahr mit 25 Mio. US-Dollar veranschlagt worden und für den Aufbau bzw. die Entwicklung sind 173 Mio. US-Dollar vorgesehen. Allerdings übernehmen bisher von der Summe die USA 46 Mio. US-Dollar und die Europäische Union 21 Mio.

Der für die Planung zuständige Direktor Abdullah Scherzai informiert darüber, dass das Ministerium über den von ihm selbst konzipierten Haushalt nicht verfügen darf. Er sagte, solange das Rechnungswesen nicht gegründet ist, sollte das Geld von den caritativen Nichtregierungsorganisationen für die Regierungsprogramme ausgegeben werden. Zu den Einzelteilen des afghanischen Regierungsprogramms für den Aufbau im Gesundheitswesen in den kommenden drei Jahren gehört die Fortbildung des medizinischen Personals in den Dörfern und entlegensten Gebieten des Landes. Nach Aussage von Abdullah Scherzai werden deshalb bis 30.000 Frauen medizinisch vorbereitet, um dort eingesetzt zu werden.

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VI. Teil : Wasser- und Strom

BBC 19.06.03

Vom BBC-Korrespondenten Khaled Ansari

Nationale Entwicklungsprogramm für den Wiederaufbau

Arbeit und Beschäftigung

Straßenbau

Bildung und Erziehung

Gesundheitswesen

Wasser und Strom*

*(An dieser Stelle sollte der VI. Teil des Mammutprogramms der Regierung stehen, ursprünglich für „Staats- und Verwaltungswesen“ vorgesehen. Es ist kein Dezimalfehler - MHS)

Der Wiederaufbau der Elektrizitätswerke und die Fertigstellung der bereits begonnenen, noch unvollendeten Renovierungsarbeiten sowie der geplante Bau von 58 neuen Elektrizitätswerken gehören zu den Hauptvorsätzen der afghanischen Regierung beim Wiederaufbau des Stromnetzes im Lande.

In Afghanistan gibt es 10 Wasserkraftwerke, ein Kraftwerk zur Energiegewinnung aus brennbarem Material und einige Dieselgeneratoren, die insgesamt 300 Megawatt elektrische Energie produzieren, was im Vergleich zur Bevölkerungszahl sehr gering ist. Der Erhebung des Ministeriums für Wasser- und Stromversorgung zufolge verfügen fünf Prozent der afghanischen Bevölkerung über elektrische Energie.

Mohammd Yunus Nauandesch, Vizeminister für Konstruktion im Ministerium für Wasser- und Stromversorgung kündigt die Regierungspläne für den Bau weiterer Elektrizitätswerke und Staudämme an, um die Stromversorgung zu erhöhen. Er fügt hinzu, dass sich im laufenden Sonnenjahr (20.März 03-19.März.04) 48 Entwicklungsprojekte von insgesamt 58 geplanten Elektrizitätswerken für Stromversorgung im Bau befinden werden. Laut Vizeminister Nauandesch ist der Etat für diese Baumaßnahmen von der afghanischen Regierung bereits bewilligt worden.

Derzeit führt die Mehrzahl der afghanischen Provinzen elektrische Energie ein: beispielsweise die Provinzen Balch und Djozdjan aus Usbekistan und Turkmenien und die Provinz Kunduz aus Tadschikistan.

Laut dem für die Konstruktion zuständigen Vizeminister habe die Regierung vor, dem Bedarf an Strom der weiteren Provinzen durch Importe oder durch den Bau von Diesel-Generatoren zu entsprechen. Er sagt über die Knappheit in der Energieversorgung in Kabul aus: „Die drei Staudämme (Naghlo, Mahipar und Sorobi) waren ursprünglich für die Versorgung von 70 000 Einwohnern von Kabul gebaut worden. Heute können sie dem Bedarf der Kabuler Bevölkerung nicht Rechnung tragen. Daher hat das Ministerium vor, die Verlegung von Starkstromkabeln (deren Röhre mit Druck in die Erde gepresst werden) bis zur Heiratan-Grenze, der Grenze zu Usbekistan, zu verlängern. Die Kosten dieser Art der Kabelverlegung übernehmen die asiatische Entwicklungsbank und Indien.

Währenddessen hat Usbekistan den Strom für die Provinz Balch abgeschaltet, da sie die Rechnung für die Stromkosten nicht ausgeglichen hat.

Afghanistan ist reich an Wasser, Wind und vor allem Sonne, die besonders geeignet ist für die Energiegewinnung.

Ing. Mohammad Homayon Kohestani, Elektrospezialist und derzeit Chef der Kabuler Elektrizitätswerke vertritt die Auffassung, dass der Importstrom langfristig für das Land unwirtschaftlich sei. Im Vergleich zu importierten Strom sind die Effizienz und Effektivität der Elektrizitätswerke allemal höher, für das Land kleine und große Staudämme zu bauen. Obwohl der Verbrauch der landeseigenen Energie einem höheren Etat und einem langdauernden zeitlichen Rahmen bedarf, so der Chef der elektrischen Energieversorgung der Hauptstadt, dennoch ist dann das Land Selbstversorger. Von den Summen, die das Land für Stromimport ausgibt, können wir größere Staudämme bauen.

Mohammad Yunus Nauandesch räumt allerdings ein, dass für die Bauzeit eines großen Staudamms fünf Jahre erforderlich seien und dass wir bis dahin ohnehin auf die Einfuhr von Elektrizität angewiesen sind.

In den Gebirgsregionen des Landes und in den Gebieten, in denen Bäche fließen, nutzen die Einwohner elektrische Energie gewonnen aus selbstgebastelten Wasseraggregaten. Noor Habib, der aus Oloswali (Bezirk) Gulbahar der Provinz Parwan stammt, produziert mit Hilfe eines an einem Bach befestigten Wasserrades Strom und kann, so der Tüftler, damit fünf Familien mit elektrischer Energie versorgen.

Unterdessen richtet das für Energie zuständige Ministerium seine Aufmerksamkeit auf diese Problematik. Ing. Sayed Abdullah, Chef des Präsidiums für die neuen und regenerativen Energien im zuständigen Ministerium drückte sich darüber wie folgt aus: “Wir haben vor, in einigen Gebieten der Stadt Kabul und in entlegenen Gebieten des Landes, in denen sich die Kabelverlegung als schwierig erweist, intensiver Strom aus Sonnenenergie zu erzeugen.“

„Das Ministerium für Wasser und Strom“, fügte er hinzu, „ist damit beschäftigt, Produktionsstätten für Stromgewinnung mit einer Kapazität von 200 Kilowatt bis 10 Megawatt in den entlegenen Gebieten des Landes zu bauen.“

Das Stromnetz der afghanischen Hauptstadt, das während der Auseinandersetzungen innerhalb der Modjahedin zerstört wurde, wurde bis jetzt noch nicht ganz wiederaufgebaut.

Die Einwohner Kabuler Stadtteile wie „Karte Se, Karte Nau u.v.m. in denen kein elektrischer Strom fließt, produzieren mit unökonomischen Generatoren Elektrizität, um ihren Bedarf an elektrischer Energie zu decken.

Kamela, eine Bürgerin aus Karte Nau, die ca. drei Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt wohnt, sagte:“ Wir haben seit dem Sonnenjahr 1372 (1993) keinen Strom. Die Umspannwerke, die Kabel, die Stromverteiler und die Transformatoren unseres Viertels sind geraubt worden und der Staat macht keine Anstalten, sie wiederaufzubauen.“

Mohammad Yunus Nauandesch gab bekannt, dass „das Ministerium inzwischen mit der Unterstützung der Weltbank, der asiatischen Entwicklungsbank, mit Hilfe Deutschlands und der Europäischen Union den Wiederaufbau des demolieren Stromnetzes in den Kabuler Stadtbezirken in Angriff zu nehmen.“

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