Märchen und Fabeln aus Afghanistan, gesammelt von Dr. Mir Hafizuddin Sadri

zu Märchen

Schreiners Tochter

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In alten Zeiten, vor dieser Zeit, in diesem Lande, unter dem blauen Himmel war ein König. Dieser König hatte einen einzigen Sohn. In seinem Königreich wohnte unweit von seinem Schloss ein Schreiner. Der hatte eine hübsche Tochter. Der Prinz und die Tochter des Schreiners gingen gemeinsam in eine Schule.

Eines Tages küsste der Prinz die Tochter des Schreiners gegen ihren Willen. Ab dieser Zeit hänselte der Prinz sie vor der ganzen Klasse und sagte: Was kostet ein Kuss im Verborgenen? Das Mädchen bat ihn, sie nicht mehr länger zu hänseln. Trotz der wiederholten Bitte des Mädchens konnte der Prinzen nicht aufhören sie zu ärgern. Schließlich reicht es ihr und kam zu ihrem Vater und bat ihn, ihr eine Leiter mit vierzig Stufen zu basteln. Der Schreiner erfüllte den Wunsch seiner Tochter und zimmerte ihr eine vierzigstufige Leiter.

Eine Nacht zog sie sich als Geist an, bewaffnet  mit einem Säbel. Sie nahm die Leiter mit und ging zum Schloss des Königs. Sie stellte die Leiter vor dem Fenster des Prinzen auf und kletterte die Leiter hinauf und trat in sein Zimmer ein. Sie rief: "Ich bin der Geist, der dich töten will"  Vor lauter Angst flehte der Prinz sie an, ihn am Leben zu lassen. Sie sagte: Unter einer Bedingung lasse ich dich am Leben, wenn ich Deinen Hintern versohle."

Am nächsten Morgen zu Beginn des Unterrichts fragte der Prinz die Tochter des Schreiners. Was kostet ein Küsschen im Verborgenem? Sie entgegnete: Eine Runde Hintern versohlen.

Da ging dem Prinzen ein Licht auf, weshalb er in jener Nacht von ihr erschreckt worden ist. Da eröffnete er seinen Wunsch den Eltern, die Tochter des Schreiners zu heiraten. Das Königspaar war über dieses Vorhaben des Prinzen sehr überrascht, stimmte zunächst der Heirat nicht zu, da diese Heirat der königlichen Etikette nicht entsprach. Der Prinz gestand, dass er sich in die Tochter des Schreiners bis über beiden Ohren verliebt hätte und diese Heirat ihm sehr viel bedeute. Schließlich erklärten seine königlichen Eltern ihre Einwilligung zu dieser Heirat.

Nach der Heirat steckte der Prinz seine Frau in den Kerker. Hier bekam die Prinzessin drei Mahlzeiten. Das Essen bestand aus trockenem Brot und Salzwasser.

Die Prinzessin grub sich im Laufe der Zeit einen Tunnel vom Kerker bis zum elterlichen Hause. Kurz vor den Mahlzeiten erschien sie im Kerker, damit niemand Verdacht schöpfte. Ansonsten wohnte sie bei ihrem Vater, der inzwischen dank der Heirat ein wohlhabender Geschäftsmann war.

Eines Tages sagte der Prinz, dass er nach Rom reist, um seine Ferien zu verbringen. Die Prinzessin kleidete sich wie ein Mann und ging im selben Gasthaus, in dem der Prinz hauste. Am Abend zog sie sich um und verbrachte mit dem Prinzen eine Nacht, solange bis er beabsichtigte, wieder zu seinem Schloss zurückzukehren. Vor der Ankunft des Prinzen war sie bereits im Schlosskerker. Der Prinz sah im Kerker nach, ob seine Frau noch lebt. Die Prinzessin gebar einen Sohn, den sie mit dem Namen "Rom" taufte.

Nach einem Jahr erzählte der Prinz von seiner Reise nach "Rai". (Rai ist eine historische Stadt im Iran, nahe Teheran) Als die Prinzessin von dieser Reise erfuhr, zog sie einen Anzug an und ging abermals als Mann nach "Rai" . Sie ließ sich im selben Gasthaus nieder, in dem der Prinz residierte. Vor der Rückkehr des Prinzen war sie im Kerker. Sie gebar ein Sohn, dem sie Rai als Namen gab.

Diesmal wollte der Prinz seine Ferien im Bagdad verbringen. In dem Gasthaus des Prinzen erschien auch die Prinzessin. Nach dieser Reise brachte die Prinzessin einen dritten Sohn. Ihm gab sie den Namen "Bagdad".

Nach diesen Abenteuern wollte der Prinz eine Frau nehmen. Die Prinzessin schickte ihre drei Söhne, damit sie der Hochzeit beiwohnen. Vor der Trauung rief die als Dienerin verkleidete Prinzessin: Rom o Rai, daste Baghdad ra begiered, barkhesed o ba khana borawed. Rom und Rai steht auf, nehmt Bagdad und geht nach Hause."

Als der Königssohn dies hörte, ging er nach Schreiners Haus und nahm seine Frau und die drei Söhne mit zum Schloss.

 

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