Märchen und Fabeln aus Afghanistan, gesammelt von Dr. Mir Hafizuddin Sadri

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Schlehdornsammler

 

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Es war einmal ein sehr fleißiger Schlehdornsammler. Morgens ganz früh, bevor der Hahn noch krähte, stand er auf, machte sich auf den Weg, legte manche Kilometer zurück, bis er den Schlehdornbusch erreicht hatte. Er schnitt mit seinem großen Messer die getrockneten Sträucher, bündelte sie mit einem Seil an. Sträucher, die auf der höheren Ebenen des Gebirgshanges wuchsen, machten ihn viel zu schaffen. Denn er müsste bergauf steigend und auch diese getrockneten Pflanzen, die nun ja dort vereinzelt vorkamen, auch zu schneiden und mitzunehmen. Er nahm trotzdem diese Anstrengung auf sich, um seine Familie damit ernähren zu können. Denn er verkaufte diese Sträucher als Brennmaterial.

Den größten Teil seiner Sammlung bot er auf dem Dorfmarkt feil. Mit diesem Geld kaufte er Lebensmittel ein. Seine Frau kochte diese dann. Für die Küche brauchte sie den kleinen Rest des Schlehdorns als Brennmaterial, den der Schlehdornsammler jeden Tag nach dem Markt auch noch nach Hause mitschleppte.

So ging jedes Jahr so weiter und er bestritt sein Lebensunterhalt mit dem Verkauf der getrockneten Pflanzen. Die ohne hin anstrengende Arbeit wurde noch mühsamer, je älter er wurde. Die Tochter war inzwischen groß und half der Mutter bei der Arbeit im Haushalt. Sie fühlten sich zufrieden, und begnügten sich, was sie hatten.

Ein alter und weißbärtiger Mann betrachtete ihn, wie er seine Arbeit mit Ehrfurcht und Zufriedenheit leistete und sich nie beklagte. Er sagte zum Schlehdornsammler: "Ich bin ein mittelloser Mensch und habe kaum zum Essen. Meine Familienmitglieder sind alle tot. Ich bekomme keine Rente. Ich sehe, wie tapfer und mühsam du arbeitest. Ich kann nicht so viel arbeiten. Diesen wenigen Strauche, die ich sammele, reichen nicht einmal für das Kochen einer Mahlzeit."

Er nahm aus seiner Tasche seine sechs letzten Pfennigstücke und gab ihm drei Pfennige, denn er dachte, dass der weißbärtige alte Mann in Not sei, und er konnte an diesem Tag noch länger arbeiten.

Um seine Dankbarkeit zu zeigen, gab der alte Mann ihm drei Steine, die so gewöhnlich aussahen, als wären sie von den hohen Gebirgsfelsen durch einen Steinbruch herunter gerutscht worden sein. "Nimm diese Steine als ein Zeichen meiner Dankbarkeit."

Der Schlehdornsammler nahm die Steine und betrachtete sie. Es waren gewöhnliche Steine, die zu Tausenden in seiner Umgebung lagen. Trotzdem nahm er die Steine, um den alten Mann nicht zu beleidigen.

Bevor sie sich verabschiedeten, rief der alte Mann: "Du wirst eines Tages sehr reich werden". Vergiss aber nicht, monatlich von deinem Reichtum drei Pfennige Kichererbsen und Rosinen zu kaufen und diese unter den Bedürftigen zu verteilen."

Der Schlehdornsammler ging nach Hause, berichtete seiner Frau von diesem eigenartigen Vorfall. Seine Frau war davon nicht begeistert, und bemerkte: "Von diesem Geld hättest du ein Paar Ohrringe für deine Tochter kaufen sollen, die sie sich so sehr wünscht. Seine Freunde machten sich über ihn lustig, als er diese Geschichte in der Teestube seines Dorfes erzählte.

Seine Tochter nahm die Steine und spielte mit ihnen. "Es waren schöne Steine", sagte sie. Der Vater bestätigte die Worte seiner Tochter, als er die Steine genau betrachtete. Als am nächsten Tag der Vater nach Hause kam, nahm er die Steine und legte sie auf einen hohen Regal und sagte: "Diese Steine bedeuten für mich sehr. Denn sie sind ein Zeichen der Anerkennung, womit der alte Mann sich bei mir bedankt hatte." So begnügte er sich damit, die Steine jeden Tag nach seiner Arbeit anzuschauen, zumal die Steine noch schöner und farbenprächtiger als Vortag aussahen. Über diese Seltsamkeit hat er nichts weiter Gedanken gemacht, jedoch verliehen ihm die Steine mehr Kraft, noch länger zu arbeiten.

Eines Tages, bevor er zur Arbeit ging, sah er die Steine, von deren Schönheit und Glanz er sehr angetan wurde und ihm jene Kraft verlieh, die Anstrengungen dieser mühsamen Arbeit zu ertragen. Tatsächlich waren die Erträge an diesem Tag so gut, dass er für die Schlehdornbündel mehr Geld bekommen hat.

An diesem Tag kam er nicht wie gewöhnlich nach Hause, sondern er ging zu einem Juwelierladen, um den langersehnten Wunsch seiner Tochter zu erfüllen.

Als er bezahlen musste, bemerkte der Geschäftsmann seine Steine. Er nahm die Steine an sich in der Hand und untersuchte sie gründlich. "Diese sind unbezahlbare Edelsteine. Hätte ich soviel Geld, dann hätte ich bestimmt sie alle gekauft. Aber ich kann nur einen kaufen", sagte der Geschäftsmann. Er gab ihm für diesen Stein Geld, seine übrige Edelsteine und zusätzlich die Adressen der großen Geschäfte, bevor er sein Laden verließ.

Nach und nach verkaufte der Schlehdornsammler die Edelsteine. Damit wurde sehr reich. Sein Reichtum vermehrte sich jeden Tag. Von seinem Gewinn kaufte er monatlich Kichererbsen und Rosinen und verteilte sie an die Bedürftigen. Er vergaß nicht diesen Brauch, als er beim Hofe des König einen hohen Rang erlangte.

Ab dieser Zeit nannte man ihn nicht mehr Schlehdornsammler, sondern Geschäftsmann, so dass er und seine Familie im Kreise der Königsfamilie sehr beliebt waren und vom König als Minister ernannt wurde.

Inzwischen musste er viele Termine wahrnehmen. Der König hatte auch eine Tochter, die mit der Tochter des Ministers befreundet war. Sie spielten gemeinsam. Seine Termine ließen ihn nicht zu, dass er sich Zeit nahm, ab diesem Zeitpunkt jenen Brauch Genüge zu tun.

Als die Königstochter ins Schwimmbad ging, nahm sie ihre beste Freundin mit. Sie zogen ihren Schmuck aus und stellen diese an einem Regal an der Wand. Die Königstochter ging ins Wasser und rief: "Komm, das Wasser ist herrlich." Die Tochter des Wisir sah in diesem Augenblick, dass die Wand auf einmal sich entzweit hatte und die Schmücke der Königstochter verschluckte. Sie rief aufgeregt: "Königstocher, dein Schmuck ist von der Wand verschluckt worden." Die Königstochter lachte, denn sie dachte, sie mache Spaß. Als sie sich anzog und ihr Schmuck nehmen wollte, bemerkte sie, dass kein Schmuck da war. Die Königstochter war aufgeregt: "Gib mir mein Schmuck her."

Als der König dies hörte, beschlagnahmte alle Reichtümer des Wisirs und sperrte ihn ins Gefängnis ein. Im Gefängnis dachte er nach. Plötzlich fiel im ein, dass er in diesem Monat den Brauch vergessen hatte, für drei Pfennige geröstete Kichererbsen und Rosinen unter Bedürftigen zu verteilen.

Er bereute seine Vergesslichkeit und bat den Gefängniswächter, ob er seine letzte drei Pfennige haben kann. Der Gefängniswächter, der ihn wegen seinem Benehmen schätze, gab ihm seine drei Pfennige. Aus dem Fenster seiner Zelle sah er eine Hochzeitszug vorbeireiten. Der Schah (König wird der Bräutigam genannt) saß auf seinen Pferd. Er hatte einen weißen Hochzeitsgewand. Die Braut hatte ein buntes Hochzeitskleid an und ebenfalls ritt. Der Schlehdornsammler rief aus dem Fenster hinaus. Kann jemand für mich für drei Pfennige Kichererbsen und Rosinen kaufen. Der Schah erwiderte: "Heute ist meine Hochzeit. Lass meine Gäste in Ruh".

Der Hochzeitszug entfernte sich. Der Schah ist aus dem Pferd gefallen und hatte sich am Bein verletzt. Alle Gäste haben ihn ausgelacht.

Da sah der Häftling eine alte Frau vorbeigehen. "Mutter", sagte er, "könntest du mir für drei Pfennige Kichererbsen und Rosinen kaufen".  

Die alte Frau sagte: "Mein Sohn liegt im Krankenhaus. Ich besuche ihn. Die Ärzte sagen, dass seine Krankheit unheilbar sei. Auf eine Minute kommt es nicht an, wenn ich später dort ankomme."  

Sie nahm die drei Pfennige und erfüllte den Wunsch des Häftlings. Als die Frau im Krankhaus angekommen war, sah er seinen Sohn hin und her laufen. Er hat kein Schmerzen mehr. Die Ärzte wunderten sich, warum er plötzlich gesund wurde.

Inzwischen ist der 39. Tag. Der Termin wird morgen ablaufen, den der König gesetzt hatte. Ansonsten werden sämtliche Familienmitglieder ins Gefängnis geworfen, falls der kostbare Schmuck der Prinzessin nicht auftauche.

Der Königstochter ging am 39. Tag wie jede andere Tag auch ins Schwimmbad. Nachdem sie sich angezogen hat, sah sie plötzlich die Wand, die den Schmuck der Königstochter herausgespuckt hat. Sie rannte zu seinem Vater und berichtete ihm, was tatsächlich vorgefallen war. Der König ordnete an, den Schlehdornsammler frei zu lassen, sein Eigentum wiederzugeben. Ab diesem Zeitpunkt vergaß der Schlehdornsammler, der inzwischen am rechten Teil des Thrones als Wasir der rechten Hand des Königs saß, nie diesen Brauch.

Nach einem Motiv aus einem afghanischen Märchen "Baba Kharkasch".

Diese Geschichte wird den Kindern erzählt, während die Großeltern bzw. Erwachsenen die gerösteten Kichererbsen und Rosinen zu Ehren des als "Überwinder der Schwierigkeiten" bezeichneten vierten Kalifen Ali  reinigen und als Nachtisch essen. In Kabul gibt es ein Viertel, in dem Röstereigeschäfte nebeneinander sind. Dieser Brauch ist wahrscheinlich inzwischen von Niemanden wahrgenommen. In alten Zeiten hat der Vater, als er seinen monatlichen Lohn bekam, ging er als erstes Kichererbsen und Rosinen für diese feste Zeremonie (Nazre Ali Moschkel Goscha = Gelübde zu Ehren von Ali, der Überwinder der Schwierigkeiten ) zu kaufen, bevor er andere Lebensmittel kaufen wollte.

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