Märchen und Fabeln aus Afghanistan, gesammelt von Dr. Mir Hafizuddin Sadri

zu Märchen

Das Hölzerne Förmchen

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Es waren einmal zwei Schwestern. Die eine war reich und die andere arm. Die arme Schwester war schwanger. Eines Tages bat sie ihren Mann um Reis mit Kirschen. Der Mann sagte, er habe kein Geld und bewegte sie, zu ihrer Schwester zu gehen. Ai Maidan, Tai e Maidan, Khare Maghelan, Tschek, Tschek Gondjeschkan, darazi Karbas, kotaie Sokhan. (Sie  machte sich auf den Weg, überquerte die Wüste, überwand die Schlehdorn von der Maghelan-Wüste,  hörte das Gezwitscher von Spatzen. Langer Sinn, kurzer Rede. Endlich kam sie im Hause der Schwester an.

Nach der Begrüßung eröffnete sie ihren Wunsch bei der Schwester. Die Schwester sagte zu ihr, dass sie ihr sofort Reis mit Kirschen koche. Die arme Schwester wartete stundenlang vergeblich auf das Essen. Schließlich ging sie in das andere Zimmer. Hier sah sie, dass die Esstafel bereits voll von Reis und Kirschen war und die ganze Familie am Essen war.

Verärgert und enttäuscht verließ sie das Haus der Schwester, um nach Hause zu gehen. Unterwegs war sie müde,  fror vor lauter Kälte und ihre Wehen fingen an. Da sah sie ein Dampfbad. Sie klopfte an die Tür und fragte den Besitzer, ob sie sich dort erwärmen konnte. Im Dampfbad brachte sie eine Tochter zur Welt. Mutter und Kind schliefen ein.

Die fünf Schwester des Schah Bol Schah e Pari traten in das Dampfbad ein. Da sahen sie die Mutter mit ihrem neu geborenen Kind. Die erstgeborene Prinzessin fragte ihre Schwestern, was sie dem neugeborenen Mädchen schenken. Die zweite Prinzessin sagte: "Ich gebe ihr Schönheit". Die dritte Prinzessin schenkte ihr eine Fähigkeit, dass ihre Tränen sich zu Perlen verwandelten, wenn sie weint. Die vierte Prinzessin rief: "Wenn sie lacht, soll aus ihrem Mund Blumen sprühen". Die fünfte bemerkte: "Aus ihrem Fußstapfen möge Gold kommen."

Die Prinzessinnen zauberten eine goldene Wiege her und bekleideten das Kind und verließen das Bad. Als die Mutter aufwachte, war sie überwältigt von der Pracht des Gewandes. Das Bad leuchte von den edlen Steinen der Wiege. Nachdem sie sich einigermaßen erholte, gab sie einem Boten ein Goldstück, um ihren Mann zu benachrichtigen. Der Mann kam und nahm seine Frau und das Kind mit nach Hause.

Es verging einige Zeit. Das Ehepaar wurde sehr reich. Als die reiche Schwester hörte, war sie sehr neidisch. Die reiche Schwester besuchte ihre ehemalige arme Schwester und lud ihre Nichte zu sich ein. Unterwegs sammelte sie nach jedem Schritt Goldstücke. Das Kind war müde und weinte und sie sammelte die Perlen. Unterwegs war das Mädchen hungrig. Die Tante gab ihr gesalzenes Brot. Darauf wurde sie durstig. Sie bat die Tante um Wasser. Die Tante stellte als Bedingung, dass sie ihr Auge schenkt. Nach einer Weile bekam das Mädchen wieder Hunger. Nach dem Brotessen hatte sie Durst. Nachdem sie das andere Auge gegeben hatte, bekam sie Wasser, um ihren Durst zu löschen. Inzwischen ist die Tante sehr reich geworden. Die Tante ging und ließ das Mädchen unter einem Baum stehen.

Eine Schreiner ging vorbei. Er fragte das Mädchen, was los sei. Sie bat den Schreiner um Hilfe. Sie verbrachte eine Zeitlang bei dem Schreiner. Eines Tages ging sie mit einem Blumenstrauß zum Schloss des Prinzen und rief: "Blumen gegen Auge." Ihre Tante nahm den Strauß und gab dem Mädchen das Auge.

Am nächsten Tag ging das Mädchen erneut zum Schloss des Prinzen und rief: "Blumenstrauß gegen das Auge." Ihre Tante nahm den Blumenstrauß und gab ihr das zweite Auge. Sie konnte wieder sehen. Sie ging zum Pflegevater und bat ihn, ihr ein Holzformchen zu basteln, das von innen schließbar ist.

Der Schreiner erfüllte den Wunsch seiner Pflegetochter. Sie versteckte sich in das hölzerne Formchen und ging zum Schloss des Prinzen, um dort als Dienerin für die Prinzessin zu arbeiten.

Die Prinzessin wollte baden. Sie wies das hölzerne Formchen an, ihre Badesachen einzupacken. Sie packte aber den Kamm nicht ein. Im Dampfbad konnte sich die Prinzessin nicht kämmen. Im Hause schlug sie das Formchen mit dem Kamm als Strafe.

Am nächsten Tag beim Baden bemerkte die Prinzessin, dass das Formchen ihr keine Seife bereitgestellt hatte. Sie ärgerte sich und wollte sie zuhause bestrafen. Doch da sah sie ein wunderschönes Mädchen, jenes Mädchen, das sich aus dem Formchen befreite und vor der Prinzessin im Bad stand. Die Prinzessin dachte, dass sie eine Frau für ihren Bruder abgebe. Sie fragte das unbekannte Mädchen. Wo wohnst du? Sie antwortete, dass sie in der Kammgasse wohnt. Nach dem Gespräch ging die Prinzessin in ihr Gemach und  schlug das Formchen mit einer Seife.

Am nächsten Tag wiederholte sich die Szene. Hier vermisste die Prinzessin ihre Badeschlappe. Da fragte sie wieder das hübsche Mädchen, wo es wohne. Ich wohne in der Seifengasse. Im Schloss erzählte die Prinzessin ihrem Bruder von den wiederholten Missgeschicken des hölzernen Formchen. Der Prinz ließ das Formchen zu sich rufen und fragte, wer es ist. Wenn es nicht aus dem Formchen aussteigt, wird er das Formchen mit Axt zersplittern. Als das Mädchen aus dem Formchen raus kam, sah er das hübsche Mädchen. Es erzählte ihre Geschichte. Danach bat der Prinz um ihre Hand.

 

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