Ustad Rafiq Sadeq - Vierzig Jahre Theaterleben

 

afghan-aid

Frei übersetzt nach einer Hommage für den Allroundtalent, veranstaltet im „Afghan Kultur Center“ bei Paltalk am 27.05.03 von Dr. Mir Hafizuddin Sadri

 

Der große Komödiant, Regisseur und Intendant des afghanischen Theaters, Films und Fernsehens wäre dieses Jahr 73 Jahre alt geworden. 

Im Jahre 1930 wurde Rafiq Sadeq in bescheidenen Verhältnissen geboren, und zwar einem im Weingebiet im Norden von Kabul gelegenen Farza-Dorf in Kohdaman, dessen Nachbardorf seinen Namen Alexander dem Großen verdankt wegen der Vielzahl von Weintraubensorten: „Istafil“ (Istafil bedeutet im Griechischen Weintraube, nach der Lautverschiebung in Afghanistan Istalef genannt). 

Nach seiner Ausbildung kam er nach Kabul, um in der Hauptstadt zu arbeiten. 

Es war im Jahre 1946, als ein junger Mann mit 16 Jahren als Mitarbeiter der Zeitschrift „Barge Sabs“ (Grünes Blatt) eingestellt wurde. Dort wirkte er zunächst als Lektor und dann als Redakteur mit. Bereits als Mitarbeiter der o.g. Zeitschrift wurde er mit Satire, Ironie, Humor, Karikatur und der neuen afghanischen Dramaturgie konfrontiert. Das war auch der Beginn seiner Begegnung mit der Kunst, der Kultur und dem Theater des Landes. 

Rafiq Sadeq arbeitete im Kabuler „Marastun“ (Sozialeinrichtung. mit einem dort integrierten Waisenhaus) als Bibliothekar und war auch für den Lesesaal der Einrichtung zuständig. Dort leitete er eine Theatergruppe und den Chor. 

In dem traditionsreichen Schauspielhaus „Kabul Nenndari“, das damals „Schahi-Nenndari“ hieß und danach Marastun-Nenndari , begann seine Vorliebe für die Schauspielkunst und insbesondere für Darstellung des Komischen und Grotesken. Mit großer Disziplin und Innbrust arbeitete er für den Aufbau des im Jahre 1942 neu reaktivierten Schauspielhauses in einem von der wirtschaftlichen Krise heimgesuchten Afghanistan mit, dessen Regisseur und später als Intendant fungierte. 

Rafiq Sadeq, der die Theorie und Praxis der Dramaturgie und insbesondere der europäischen Klassik beherrschte, bezeichnete er wie einst auch Friedrich Wilhelm Josef von Schelling im 19. Jahrhudnert die Schauspieler als „Dolmetscher“. 

Ustad Sadeq sagte in diesem Zusammenhang: „Die Schauspieler sind Dolmetscher der menschlichen Gefühle, Empfindungen, Eindrücke und Erlebnisse, die mit ihrer Kunst und Einbeziehen von einer Vielzahl anderer Künsten wie Musik, Maskenbild, Dekorationen usw. auf die Bühne sprechend hin- und herzappeln, in Epilogen, Dialogen, Monologen und Prologen sowohl in lustiger als auch in trauriger Form, geschlüpft in verschiedenen Figuren und Charakteren darstellen, um die Menschen in Lachen und Weinen zu bringen, sie Neugier zu machen, zu unterhalten und zum Nachdenken anzuregen.“ 

Der Meister erzählt zwei Anekdoten, die die Höhen und Tiefen des Theaterlebens in Afghanistan zur damaligen Zeit widerspiegeln. 

„Wegen der Überreichung eines Preises wurde ich zu einem Galaabend eingeladen. Dort bin ich begeistert angekommen, um den Preis endlich zu empfangen. Ich bin aber vom Türsteher abgewiesen worden, da ich für die Veranstaltung nicht angemessen genug angezogen war.“ 

Rafiq Sadeq erzählt das zweite Erlebnis:„Als das afghanische Schauspielhaus noch ärmer war und ich auch, war üblich, dass wir unsere Kostüme tauschten. Bei einer Dramenvorführung bat mich der Intendant, der auch eine Rolle im Stück spielte um meine Jacke. Ich versuchte ihn davon abzuraten, dass das Unglück bringe. Da er darauf bestand, tauschten wir schließlich unsere Jacken aus. Ein Darsteller, mit dem ich Unfug trieb und wir uns gegenseitig auf Arm nahmen, dachte, als wäre ich derjenige, dessen Rücken er sah. Tatsächlich müsste er bedauerlicherweise feststellen, dass ich nicht ich war, sondern ich war der Intendant, der eine Klatsche hinter seinem Hinterkopf bekommen hat.“ 

Rafiq Sadeq machte die Schauspielkunst eine Sache für das Volk, als die Theaterkunst in Afghanistan noch in Kinderschuhe war und überhaupt dieser Beruf in Afghanistan noch wegen der Geringschätzung noch nicht hof- und gesellschaftsfähig war. Er förderte die Jugend, insbesondere die Frauen und gewann sie für diese Kunst. In mehr als 100 Werke hat er während seiner Lebzeiten gespielt. Zu seinen Regiearbeiten zählen die Stücke „Zwangsdoktor“ , „Eifersüchtiger Ehemann“. Er hat Dramen wie Khanjar (Dolch), „Dieb mit Rücksack“ , „Gescheiterte Liebe“, Schutz vor Koketterie“ geschrieben und in Szene gesetzt und Komödien wie „der 7. Ehemann“ , „überraschende Rückkehr“ und „Gefahren des Tabaks" sind die bekanntsten Werke des Meisters. 

Rafiq Sadeq unterstützte tatkräftig die Schulaufführungen in Gymnasien des Landes sowie in Veranstaltungen für sozialen Zwecke wie bei der Theateraufführungen des afghanischen Halbmondes (eine Schwesterorganisation des Roten Kreuzes), des Mutter-Kind-Instituts und des Gesundheitswesens. 

1954 schuf er das Drama „Helden“ in der Paschto Sprache und wurde der Generalintendant des Theaters in beiden Sprachen des Landes. Darüber hinaus inszenierte er Stücke für Festspiele aus Anlass der Unabhängigkeitstagen und damit verbundenen internationalen Messen an dem Theater an der „großen Wiese“ in Kabul. 

Seine satirische Radiosendungen und Persiflagen über die aktuellen Themen und insbesondere über die Benutzung der landwirtschaftlichen Geräten und der Düngemittel waren sehr bekannt. 

Doch seine Hörspielinszenierungen bleiben unvergesslich. Diese Hörspiele, die Radio Kabul, später Radio Afghanistan donnerstags Abend nach 20:00 Uhr-Nachrichten ausstrahlte, gehörten zur nationalen Institution. Ich habe selbst als Kind deshalb die Dynamo für s Radiohören fleißig gekurbelt, um diese Sendungen zu hören. 

Charakteristisch für seine Hörspiele waren die Qualität und Quantität seiner sprachlichen Ausdruckfähigkeit wie etwa Tonhöhe, Stress und Pitsch sowie die Interjektionen, die er routiniert beherrschte. Da hier die mimischen, gestischen und phantomimischen Techniken für die Darstellung des Theatralischen und Komischen fehlte, verliehen seine Intonationen, Akzentuierungen und Gebrauch anschaulich-bildlichen und volkstümlichen Zusätzen seinen Dramen einen lebendigen Charakter. 

Rafiq Sadeq hat meisterhaft die Redewendungen, die Dialekte, Slangs, Idiomen und Soziolekte der afghanischen Völker in seinen dramatischen Werken einbezogen. Dadurch konnte er die menschlichen Unzulänglichkeiten, sozialen Schwächen, neurotischen Verhaltensweisen und die gesellschaftlichen Verkrustungen sehr fidel und natürlich thematisieren. Dabei brachte er seine Zuschauer nicht nur durch die Nachahmung der Wirklichkeit, sondern auch durch ihre gepflegte Übertreibung, Verfeinerung und dramatisch-amüsanten Effekte zum Lachen.

Mit den volkstümlichen Einlagen konnte er auch seine Gesellschafts- und Traditionskritik einbringen und die weltliche und geistliche Obrigkeit des Landes mit humorvollen, aber nicht verletzenden pointierten Dialogen aufs Korn nehmen.

Als Vorbild für ihn fungierte der 1938 verstorbene große Theaterleiter Stanislawski.

Er setzte sich für den neuentstanden afghanischen Film ein und spielte in den Film "Rozgaran" (Schicksalstage). Auch für eine kurze Zeit – in Afghanistan gibt es erst seit 1978 Fernsehen -  wirkte er in einigen Fernsehfilmen mit. 

Ustad Rafiq Sadeq erhielt von der zuständigen Akademie den höchsten vergebenden Titel „Ustad“ für seine Hochleistungen und sein Lebenswerk. Zu letzt war er Vorstandsmitglied im Institut der Schönen Künste in Afghanistan. 

Einer von der Gründergeneration des modernen Schauspielhauses, der heute 77jährige große Künstler Ustad Beset sagte über Ustad Rafiq Sadeq: „Seitdem hat (...) Rafiq Sadeq dem Theater Afghanistans einen lebendigen Charakter verliehen.“

57jährig ist Ustad Rafiq Sadeq am 21.Qaus bzw. Schütze des Sonnenjahres 1365 (afghanische Kalender), entsprechend dem 12.11.1987 gestorben. 

Die große Dame des afghanischen Theaters Habiba Askar würdigte den Verstorbenen mit diesen Worten: „Ich verdankte dem Ustad sehr viel. Mit seinem Tod verlor ich einen guten Lehrer und einen kooperativen Kollegen. Mit ihm habe ich jahrelang in verschiedenen Theaterstücken und Komödien sowie in Hörspielen, Filmen und Fernsehensendungen gearbeitet. Ich gedenke stets seiner.“