Zum 80. Jubiläum meiner Schule

 

Seitdem ich meine linke von meiner rechten Hand unterscheiden kann, bin ich mit der Amani-Oberrealschule verbunden. Einst gingen mein Vater, meine beiden Onkel und eine Vielzahl männlicher Jugend unseres Dorfes „Qala e Schechan“  in diese Schule.

 

Als ich endlich ein Schulkind war, fuhr ich gerne zur Amani- Schule. Der Busfahrer, der als Mechaniker ein Schüler meines Großvaters war, errichtete in seinem Bus neben seinem Sitz ein eigens für mich reserviertes Stühlchen. Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre gab es zwei Ereignisse, die für mich sehr schlimm waren. Erst starb mein Großvater und dann brannte das Hauptgebäude des Gebäudekomplexes der Nedjat-Oberrealschule ab, von dem ich sehr fasziniert war.

 

Meine Klassenkameraden hatten mich in der Klasse gut aufgenommen, insbesondere Scharif, Habib und Wazdew. Für mich war es kein großes Problem, dass ich nun in der Klasse einen Schulfreund gefunden hatte, der der hinduistischen Glaubensrichtung angehörte. Wazdew und ich waren bis zur Reifeprüfung in einer Klasse.

 

Der Sportlehrer der Schule war ein Ex-Offizier namens „Tolai-Meschr“, der mit mir schimpfte, als er mich Erstklässler auf dem Ast eines Beerbaumes am Wassermagazin der Schule sitzen sah, während die Schüler der Oberstufe sich im Schatten des Baumes amüsierten, weil sie mich hinaufgehoben hatten.

 

Als ich eingeschult wurde, war Sardar Hamidullah Enayat Saraj, ein Verwandter des Königs Amanullah, Direktor der Amani-Schule. Bei der Vergabe der Stipendien achtete Saraj penibel darauf, dass die festgesetzten Kriterien, nämlich die Leistungen des Schülers und nicht die Position seines Vaters ausschlaggebend waren. Er sorgte für die saubere Trennung der Leistung des Schülers und seines Stammes.

 

Als die deutschen Lehrer während des zweiten Weltkriegs das Land verließen, hielten die o.g. Persönlichkeiten qualitativen Unterricht aufrecht. Dr. Popal wurde der erste afghanische Direktor, der die Disziplin schätzte. Seine Verdienste sind die Aufrechterhaltung von Unterricht, Sport und die Reaktivierung bzw. Gründung von einer Pfadfinderorganisation in den Schulen.

 

Nachdem Dr. Popal ins Erziehungsministerium berufen wurde, übernahm Herr Breshna, der zuvor in der Schule Unterricht erteilte, das Amt des Rektors. Die Verdienste dieses Direktors gingen in die Geschichte des Landes und der Schule ein; sie lagen u.a. in den Bereichen der Musik, Kunst, Kultur und Dramaturgie. Ferner verbot er als erster afghanischer Rektor der Schule die körperliche Züchtigung und die Demütigung der Schüler auf dem Schulhof. Es wurde in anderer Weise motiviert. Darüber bin ich sehr froh, weil ich während meiner Schulzeit nur einmal aus einem Missverständnis eine Ohrfeige von einem meiner später liebsten Lehrer bekam. Unser Chemie- und Biologielehrer, ein Afghane, der in Deutsch unterrichtete, dachte, ich lache aus Unhöflichkeit, als er uns bat, ruhig zu sein. Er entschuldigte sich aber am nächsten Tag vor der gesamten Klasse bei mir, als er hörte, dass ich in der Schule als „lachende Blume“ bezeichnet wurde und mein „Lachen“ habe mit unhöflichem Verhalten nichts zu tun. Sein Mut war einmalig und die Beziehung zu den Schülern litt nicht darunter; im Gegenteil, seine Autorität wuchs bei mir.

 

Mit Dr. Jalal und seinem Nachfolger Dr. Abdul Wahed Malekyar, ebenfalls ein Schulkamerad meines Vaters und Onkels, kamen neue Töne und Impulse in die Schule. Nun fingen die Schüler an, Fragen zu stellen und Gegenargumente darzulegen. Partnerschaftliche Haltung wurde gefördert, Kritiken erlaubt, reines Auswendiglernen teilweise verpönt, körperliche Demütigungen auf dem Schulhof verboten. Doch auch sie hatten Schwierigkeiten, sich mit ihren eigenen Lehrern anzulegen. Dennoch haben sie es geschafft, den Lehrern, die auch ihre Lehrer waren, beizubringen, dass negative Verstärkung nicht erwünscht sei. Seit 1965 wurde in der Schule Unterricht über die Verfassung abgehalten, die Schüler nach ihrer Meinung gefragt. Ohne Bestrafung konnten die Schüler in einer partnerschaftlichen, aber sehr respektvollen Haltung, das Für und Wider der Verfassungsartikel diskutieren.

 

Nach dem Tod meines Großvaters baten die Dorfältesten meine Großmutter, die seither das Heft in der Hand hatte, die Mädchen der Familie, meine Schwester und Tanten nicht zur Schule gehen zu lassen. Daraufhin erwiderte meine Großmutter, dass ihr Mann in seinem Testament hervorgehoben habe, lieber am Essen zu sparen und nicht an der Bildung. Dies wirkte sich in den Jahren von Krieg und Flucht positiv aus, da die weiblichen Mitglieder meiner Familie im Exil nicht auf finanzielle Hilfe angewiesen waren.

 

1966, während Dr. Wahed Malekyar Direktor der Amani-Schule war, wurde der Grundstein der Schule im „Kola e Esteqlal“ (Sportgelände) gelegt. An dieser Zeremonie nahm Altbundespräsident Heinrich Lübke teil. Wir Schüler der achten Klasse konnten bereits Teile seiner Rede verstehen.

 

Die in der Bundesrepublik ausgebildeten ehemaligen Amani-Schüler, Dr. Ahmad Schah Djalal und Dr. Wahed Malekyar sorgten mit ihrer Improvisationskunst für den Unterricht unter den schwierigen gegebenen Bedingungen nach dem großen Brand und während der zahlreichen Umzüge.

 

Ab 1971 war Diplomingenieur Mohammd Hassan der letzte Direktor, der selbst Schüler und Lehrer an der Schule war und in Deutschland Chemie studiert hatte. Nach dem Putsch von Daud konnte diese Tradition für eine Zeit lang nicht fortgesetzt werden.

 

Den vier letzten Direktoren ist zu verdanken, dass sie den uniformierten, isolierten und beinahe militärisch geführten Unterrichtsbeginn vor der Schule lockerten und schließlich ganz abschafften. Ansonsten mussten sich die Schüler 45 Minuten vor dem Unterrichtsbeginn um 8:00 Uhr im Hof einfinden, sich in Reihe und Glied aufstellen und mit marschähnlicher eintöniger Musik Paraderunden schreiten.

 

Mancher begabte Schüler konnte für die im Hause erst integrierte Musikschule motiviert und empfohlen werden. Daraus wurde dann eine von Österreich geförderte Musikschule, an der u.a. Dr. Najieb Yossufi mich in Musik unterrichtete. Meine Liebe zur deutschen Literatur weckte der verstorbene Herr Albers, einer der herausragenden Germanisten in der Schule. Sein didaktisches Können, sein anschaulich dargestellter Unterricht und seine persönliche Autorität bleiben mir unvergesslich. Während der Proben zu einem Theaterstück starb er, so dass unsere Klasse die Tradition der Schule nicht fortsetzten konnte, ein Theaterstück aufzuführen. Außerdem zog die Schule im Schuljahr 1970/71 in ein neues Schulgebäude im Norden von Kabul um, das die Bundesrepublik in den Jahren 1967-1970 baute. Es wurde 1970 seiner Bestimmung übergeben. Der erste Rektor der Schule im neuen Gebäudekomplex war Ing. Mir Mohammad Hassan.

 

Was mir in der Schule besonders gefiel, sind folgende Besonderheiten der Amani-Oberrealschule:

 

  1. Pädagogisches Konzept des Bilingualismus
    Deutsch nicht nur als Fremdsprache, sondern auch als Unterrichtssprache.
  1. Musik und Musikinstrumente
    Gründung der ersten Musikschule durch Herrn Breshna und die Lehrkräfte aus Österreich
  1. Experimente und Forschung
    Praktische Übungen in den Hörsälen und Fachräumen für Physik, Chemie und Biologie.
  2. Sport
    Sport als Bestandteil des Curriculums ab Klasse 1
  1. Lesesaal

           Inventar von Büchern aus verschiedenen Disziplinen.

  1. Theatervorführungen
    Aufführung von Lustspielen und Dramen deutscher Klassiker
  1. Exkursionen
    Exkursionen innerhalb Afghanistans, z.B. nach Bamian (Buddha-Statuen)
  1. Lesewettbewerbe
    Lesungen deutscher Gedichte und Texte durch die Schüler
  1. Filmaufführungen
    16 mm Spiel- und Dokumentationsfilme
  1. Veranstaltungen
    Vorträge, Satiren, Gedichte, Lieder und Musikstücke
  1. Gründung der afghanischen Pfadfinderorganisation – „De Afghanistan Zarandoi Tolana“ als gezielte Maßnahme der Freizeitgestaltung

In den Jahren des Widerstands eröffneten die ehemaligen Schüler und Lehrer der Oberrealschule in Peshawar im pakistanischen Exil eine Amani-Oberrealschule, die von einem Förderverein unterstützt wurde. Auf Initiative von Dr. Ghamin und mir wurde in Nürnberg dieser Verein gegründet, an dessen Gründungsveranstaltung ca. 100 ehemalige Schüler und Lehrer teilnahmen.

 

Während der schwierigen Jahre des Widerstands und Kriegs ist es den afghanischen Frauen zu verdanken, dass trotz der Macht der Waffen Erziehung und Bildung als eigentliche Waffe betrachtet und unter Gefahr für Leib und Leben  geheimen Unterricht organisiert haben.

 

Ich wünsche den Schülerinnen und Schülern, den Lehrerinnen und Lehrern sowie den Förderern dieser Schule viel Glück. Und nicht zuletzt danke ich Herrn Volker Bausch für seinen Einsatz für mein Land und meine Schule.

 

Dr. Mir Hafizuddin Sadri

Vorsitzender des Fördervereins für das Schulwesen und die medizinische Versorgung e.V.