Alte Liebe rostet nicht

 

Sie war 36 Jahre alt als ich sie 1960 in Kabul kennen lernte, die Kgl. Afghanische Nedjat-Oberrealschule. In Bagh-e-Alam Ganj, einem schattigen Garten am Kabulfluss lag sie. Der Schwiegersohn König Aman Ullahs war ihr Direktor. Allmorgendlich wurde Seiner Exzellenz Sadar Hamidullah Enayat Seraj ehrerbietig das Tor aufgerissen, wenn sein grauer VW-Käfer davor knatterte. Zucht und Ordnung war oberstes Prinzip in dieser Kaderschmiede für die heranwachsende Elite. Alljährlich wurde von den Abiturienten ein deutsches Theaterstück aufgeführt. Mathematik und Naturwissenschaften standen an erster Stelle. Mit obligaten Physik-, Chemie- und Biologiepraktika in den Oberklassen war die Nedjat-Oberrealschule fortschrittlicher als die meisten Gymnasien in Deutschland. Ist es ein Wunder, dass ihre Absolventen tüchtige Ärzte und Ingenieure, manche herausragende Persönlichkeiten wurden? Der neu gegründete LESESAAL gewann mit seinen vielfältigen kulturellen Veranstaltungen bald große Bedeutung in der an Kulturangeboten armen zentralasiatischen Hauptstadt. Neben Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften bildete Sport die dritte Säule der überdurchschnittlichen Ausbildung. Die Nachwuchskräfte für Olympiaden wurden an der Nedjat-Oberrealschule trainiert.

Ein Lehrerzimmer gab es nicht. Die fünf Deutschen versammelten sich in der Großen Pause beim „Bänkle“ im Schatten eines Maulbeerbaumes. Die Zusammenarbeit mit den afghanischen Kollegen war gut, nur die eminenten Gehaltsunterschiede wirkten trennend. Unvergessen bleiben die gemeinsamen jährlichen Lehrerausflüge.

Im Laufe ihres Lebens widerfuhren der Schule viele Schicksalsschläge. 1961 brannte das Hauptgebäude weitgehend ab und überdauerte die Folgejahre als Ruine. Die Klassen mussten zum Teil in Noträumen unterrichtet werden.

Zehn Jahre später fand die Nedjat-Oberrealschule ihre neue Heimat in dem imposanten Gebäudekomplex auf dem ehemaligen Kabuler Flughafengelände. Dort existiert sie heute noch. Zum 50- jährigen Geburtstag erhielt sie 1974 ihren alten Namen aus der Gründungszeit wieder: „Lycée Amani“. 24 deutsche Kollegen unterrichteten die 2000 Schüler. Weiterhin kam der Mathematik, den Naturwissenschaften eine beherrschende Stellung zu. Es entstanden anstaltseigene Skripten für diese Fächer. Das Deutsch-Dari-Wörterbuch ist heute noch von universitärem Niveau. Kontinuierliche Fortbildung der afghanischen Mathematiker und Naturwissenschaftler führte zur Anhebung des Standards in der Unter- und Mittelstufe. Die Schule hatte nicht nur Brückenfunktion für die afghanische Jugend; sie nahm durch den LESESAAL auch eine Brückenfunktion zwischen der afghanischen und der deutschen Kultur ein.

Trotz Gewitterwolken am politischen Himmel war es eine glanzvolle Zeit mit unübertroffenen Theateraufführungen, mit Lesewettbewerben, Vortragsserien, Filmabenden, Ausstellungen. Diese Zeit wurde durch die „Saur-Revolution“ am 28. April 1978 erschüttert. Bei den ersten Explosionen am Mittag meinte ein Schüler „Coup d’ État. Askar tot. Ausländer gehen nach Hause.“ Letzteres sollte später Wirklichkeit werden. Russische Besatzung, Bürgerkrieg – das Chaos machte auch vor den Toren der Amani-Oberrealschule nicht halt. –

1997, die Zeit der Taliban: Verlassen, verwahrlost, furchterregend - inmitten von Kriegsschrott, - das Herz droht mir beim Anblick „meiner“ alten Schule stehen zu bleiben. Wird hier je noch einmal Unterricht möglich sein?

Das Wunder geschieht. Provisorische Klassenzimmer werden durch eine deutsche Hilfsorganisation geschaffen; ein Blechdach wird montiert; die Fenster werden mit Plastikfolie abgedichtet. 1999 hocken wieder Jungen allerdings mit Turban in Pluderhosen auf dem kalten Steinboden, unterrichtet von bärtigen, früh gealterten, ausgemergelten Gestalten.

Im März 2000 gründet in Auggen im Markgräflerland eine Handvoll Idealisten den „Förderverein Amani-Oberrealschule / Kabul (FAOK)“e.V..

Im Sommer 2000 bringe ich das gesammelte Geld, schweißgetränkt auf dem Körper verborgen, im klapprigen Taxi von Peshawar hinauf in die Ruinenstadt, die einstmals Afghanistans Hauptstadt war. Furcht ist mein Begleiter. Die Überraschung, die Freude der Kollegen ist unvorstellbar: nicht vergessen zu sein von den alten deutschen Freunden! Jede Familie ist von Kriegsleid gezeichnet.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft, seitens der Taliban des Entgegenkommens, schlägt mir beim Geldtausch, beim Erstehen der lebensrettenden Lebensmittel entgegen.

2001 bewacht der Taleb-Direktor persönlich den eingetauschten Afghani-Geldberg nachts mit Kalaschnikow. Alle, auch die unter der Buurka verborgenen arbeitslosen Lehrerinnen karren den Reis, das Mehl, den Zucker, das Öl - ihre Schätze- so schnell wie möglich weg, als wenn sie fürchten müssten, das Geschenkte zu verlieren.

Frau Irene Salimi von der deutschen Botschaft verhindert durch ihr mutiges Einschreiten, dass die Amani-Oberrealschule zu einer Madrassa, einer Koranschule, wird. Hier unterrichtet man wie in alten Zeiten Mathematik und Naturwissenschaften - allerdings ohne Bücher und Lehrmittel - sogar zwei Stunden Deutsch pro Woche!!!

In Deutschland ist es schwer, den Taliban genehme Deutschbücher ohne Abbildungen zu finden. Von Kino darf auch nichts drin stehen. Das Auswärtige Amt hilft finanziell und organisiert den Transport bis Peshawar. Die Minensucher bringen die schwere Fracht unkontrolliert über die Grenze. Die in Pakistan nachgedruckten mathematischen und naturwissenschaftlichen Skripten gelangen auf gleiche Weise nach Kabul. Bei meiner dritten Hilfsaktion 2001 besorge ich Sportartikel, naturwissenschaftliche Geräte, Chemikalien im östlichen Nachbarland. Die in Deutschland zusammengestellten Lehrmittel für Mathematik, Physik und Biologie kann ich nicht selbst verteilen. Wenige Tage vor dem 11. September werden sie nach langer Fahrt in der Amani-Oberrealschule vom LKW abgeladen.

Die FAOK- Spender machen es uns möglich, im Winter 2001 / 2002 zweimal Geld nach Kabul zu überweisen.

Dann bricht die neue Zeit an. Die Amani-Oberrealschule wird von Deutschland großzügig renoviert. Deutsche Lehrer, deutsche Bücher, deutsches Lehrmaterial werden dazu beitragen, dass die alte Eliteschule wieder ersteht.

Hat der Förderverein für die Amani-Oberrealschule dann noch einen Sinn? Sein Aufgabenfeld ändert sich, weitet sich auf zwei Mädchengymnasien aus. Die afghanischen Freunde erwarten auch in Zukunft seine Hilfe. Möge der FAOK eine Stützpfeiler für das Amani-Gymnasium - die Brücke zwischen den Kulturen - auch in Zukunft bleiben.

Dr. Detlef Meyer-Oehme

Übersetzung in Dari