80 Jahre deutsche Bildungsarbeit in Afghanistan

Am 20.04.2004 fand die offizielle Übergabe der Amani-Oberrealschule und des Aischa-e-Durrani-Mädchengymnasiums in der Mehrzweckhalle derAmani-Oberrealschule in Kabul an die Direktoren statt.

Ebenfalls am diesem Tag begingen die Festgäste das 80. Jubiläum der Amani-Oberrealschule mit einem Festakt, an dem Bundesaußenminister Joschka Fischer, der afghanische Erziehungsminister Yunus Qanuni und weitere hohe in- und ausländische Gäste aus Politik, Wirtschaft und Bildungswesen teilnahmen.

Bei der Schlüsselübergabe der beiden Schulen betonten die deutschen Redner, dass ihre Verantwortung nicht hier endet, sondern dass sie auch in Zukunft den Schulen und Afghanistan helfend zur Seite stehen.

Der Chef des Auswärtigen Amtes hob die traditionell gute deutsch-afghanische Beziehung u.a. in Beziehung auf Bildung und Erziehung hervor, die seit der Gründung der Amani-Oberrealschule im Jahre 1924 bis auf wenige Unterbrechungen bis heute andauert.

Aus Deutschland nahm an der Feierlichkeit der ehemalige Schüler der Amani-Oberrealschule Dipl. Ing. Hamid Faruqui teil. Die Herzen der ehemaligen Direktoren und Lehrer u.a. seiner beiden noch lehrenden Dozenten , des Paschtu-Lehrers Aga Gul Khan und des Dari- und Deutschlehrers Ahmad Shah Khan schlugen hoch, als ihr ehemaliger Zögling, der berühmte Architekt aus Deutschland das Projekt für den Wiederaufbau des Parlamentsgebäudes von Afghanistan vorstellte. Beide Gebäude, die in der Zeit des König Amanullah errichtet worden waren, sind in den 60er Jahren abgebrannt und in den Zeiten des Krieges ruiniert worden.

An dieser Stelle werden wir in den nächsten Tagen weitere uns zur Verfügung gestellte Grußbotschaften sowie Beiträge aus der Festschrift veröffentlichen. Heute bringen wir den Beitrag von Prof. Dr. Schmidt aus dem Jahre 1935 über den ersten Rektor der Oberrealschule, den legendären Dr. Iven:

 

Von deutscher Bildungsarbeit in Afghanistan

Auszüge aus einem Artikel von Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Franz Schmidt - Berlin aus der Zeitschrift :" Die Deutsche Schule im Auslande" (Juli/August 1935)

Vor wenigen Tagen ist der Gründer und Leiter der deutschen Oberrealschule in der afghanischen Hauptstadt Kabul, Direktor Dr. Iven, nach Deutschland heimgekehrt, um in den heimischen Schuldienst zurückzutreten. Das gibt Veranlassung, auf die ungewöhnliche Arbeitsleistung des hervorragenden Schulmannes hinzuweisen und von der wechselvollen Geschichte der Schule kurz zu berichten.

GRÜNDUNG.

Die Schule gehört zu den kulturellen Reformunternehmungen des in Deutschland von seinem Berliner Besuch noch unvergessenen Königs Amanullah Chan. Dieser reformfreudige Herrscher, der Schöpfer der Unabhängigkeit Afghanistans, dem das überstürzte Tempo der Europäisierung seines Landes den Thron kostete, war seit dem Weltkrieg ein Bewunderer Deutschlands. Zweimal sandte er Gruppen jüngerer Afghanen zur Ausbildung nach Deutschland. Die erste davon wurde in Frankreich festgehalten; erst die zweite erreichte, über Italien geleitet, ihr Ziel. Einer ihrer Lehrer wurde Studienrat Dr. Iven in Charlottenburg, der zehn Jahre lang an den deutschen Schulen in Konstantinopel und Teheran unterrichtet hatte und das Persische, das in Afghanistan hauptsächlich gesprochen wird, beherrschte. In einer Denkschrift entwickelte der dem Könige den Plan einer staatlichen deutschen Schule in Kabul mit dem Erfolge, dass ihn die afghanische Regierung mit deren Gründung und Leitung betraute. Im Herbst 1923 traf Dr. Iven mit zwei Volksschullehrern in Kabul ein, stieß hier aber zunächst auf große Widerstände.

WIDERSTÄNDE.

Diese wurzelten in heftiger französischer Gegenpropaganda. Ihr Ursprung lag bei der "Mission scolaire francaise", die in Kabul ein Lyceé Ämaniyeh unterhielt und ihre Vorzugsstellung nun von den verhassten Deutschen bedroht sah. Außer den Vertretern des Feindbundes aus dem Weltkrieg stand auch der türkische Gesandte wirksam auf der Seite der Franzosen, und erst nach sechsmonatigen schwierigen Verhandlungen gelang es Dr. Iven, das afghanische Unterrichtsministerium trotz aller Bedenken zur Eröffnung der Schule zu bewegen.

 

ENTWICKLUNG:

 

 Mit 120 Schülern, 2 Sexten und 2 Vorbereitungsklassen trat die Amani-Oberrealschule, zu Ehren des Königs so genannt, am 15. April 1924 ins Leben. Sie entwickelte sich in den folgenden Jahren in raschem Aufstieg. Der König schickte seinen jüngsten Bruder Obeidullah Chan mit 15 Pagen und brachte später seinen ältesten Sohn Rahmetollah Chan persönlich in die Schule, eine Auszeichnung, die ihr Ansehen und ihren Besuch außerordentlich hob. Im Herbst 1927, nach 3 ½ Jahren also, zählte die Schule bereits 490 Schüler in 11 Klassen, mit 18 Lehrern, 7 deutsch und 11 afghanischen.

 

ZIEL UND ZWECK DER SCHULE.

 

Ziel der Schule war die Vorbereitung der Schüler auf das Studium an deutschen Hochschulen mit dem Zweck, dem Lande tüchtige höhere Beamte, Ingenieure, Ärzte und Lehrer zu verschaffen und die Schüler zu selbständigen und charakterfesten Männern zu erziehen. Ganz von selbst ergab sich dabei ein starkes Interesse der Schüler für Deutschland und deutsche Arbeit, das sich später in der Hebung der deutsch-afghanischen Wirtschaftsbeziehungen auswirken würde. Persisch und Deutsch waren die Unterrichtssprachen.

Afghanische Geschichte und Heimatkunde wurden eindringlich gelehrt. Der Bildungsgehalt des Islam nebst literarischen und wissenschaftlichen Werken der Perser, Türken, Araber und Ägypter lieferten das geistige Bildungsgut. Im Übrigen wurde das europäische Wissen übermittelt, damit Afghanistan nach dem Muster Japans zu höherer Weltgeltung aufrücken könnte.

DEUTSCH-AFGHANISCHES SCHULABKOMMEN.

 

Der Wunsch der afghanischen Regierung, das Schicksal der künftigen Abiturienten der Schule in Deutschland rechtzeitig gesichert zu sehen, führte am 28.September 1928 zum Abschluss eines Abkommens zwischen der deutschen und der afghanischen Regierung, demzufolge afghanische Staatsangehörige, die auf der Amani-Oberrealschule in Kabul aufgrund des von der deutschen Regierung genehmigten Lehrplans das Reifezeugnis erworben haben, bei der Immatrikulation an preußischen Universitäten und Hochschulen ohne erneute Prüfung als vollwertige Studenten aufgenommen werden sollen.

REVOLUTIONSSCHICKSALE DER SCHULE.

 

1928 von seiner Europareise zurückgekehrt, verkündete König Amanullah eine Reihe neuer Reformen, die der Mehrheit seines Volkes zuwider waren.

Diese Unzufriedenheit wurde von seinen außenpolitischen Gegnern, den Engländern und seinen Feinden im eigenen Land, den Mullahs, zu seinem Sturz ausgenutzt.

 

Im Januar 1929 eroberten die Banden des Räubers Badscha-e-Sakao die Hauptstadt; der König floh.

Der neue Herrscher, fremdenfeindlich und fanatisch religiös, schaffte das Unterrichtsministerium ab und schloss alle Schulen, auch die deutsche und die französische.

 

Die Lehrer wurden unter Nichtachtung ihrer Verträge entlassen und verließen das ungastlich und gefährlich gewordene Land schleunigst mit englischen Flugzeugen.

Nur Dr. Iven und zwei Junglehrer blieben zurück. Das große neue Schulgebäude wurde Kaserne, Tische und Bänke während des strengen Winters verfeuert, die wertvolle Lehrmittelsammlung zerschlagen oder gestohlen, dem Direktor das Betreten des Gebäudes untersagt, einer der afghanischen Lehrer erschossen.

 

Neun Monate dauerte diese bildungsfeindliche Gewaltherrschaft.

DER NEUE KÖNIG.

Im Oktober 1929 eroberte der frühere Feldmarschall Mohammad Nadir Schah in hartem Kampfe die Hauptstadt und wurde zum Emir gewählt.

Wenige Tage später erklärte er dem deutschen Direktor, er möge die Schule so rasch wie möglich wieder eröffnen. Doch dauerte es noch Wochen, die allernotwendigsten Schuleinrichtungen neu zu beschaffen. Am 9.November wurde die Amani-Schule als erste im Lande wieder eröffnet.122 Schüler waren anwesend; doch fehlte es an deutschen Lehrern, an Büchern und Heften an Lehrmitteln und Schulgerät, und monatelange harte Anstrengung war notwendig, um die Schule wieder auf den früheren Stand zu bringen. Bei der ersten Schulveranstaltung unter der neuen Regierung erschien der Ministerpräsident Mohammed Haschim Khan, der Unterrichtsminister, der Außenminister und zahlreiche hohe Geistliche. Mehrere Klassen wurden im Unterricht vorgeführt.

Die Geistlichen prüften selber in Religion und konnten sich überzeugen, dass in der deutschen Schule keine Ungläubigen ausgebildet wurden.

 

DAS UNGLÜCKSJAHR 1933

König Mohammed Nadir Schah hatte seine stärksten politischen Gegner unter den Anhängern des Exkönigs Amanullah Khan sowohl in Europa wie in Afghanistan. Dazu gehörte General Cholan Nabi Khan, der mit russischer Hilfe den Thron für Amanullah zurückzuerobern versucht hatte. Er geriert in die Hände des Königs und wurde wegen Hochverrats hingerichtet.

Die Antwort darauf waren drei Attentate, der Urheber - und darin lag das Verhängnisvolle für die deutsch-afghanischen Beziehungen im Allgemeinen wie für die Belange der Amani-Oberrealschule im Besonderen - sämtlich in Deutschland ausgebildete oder in der Amanischule erzogene Afghanen waren.

 

Am 6. Juli 1933 erschoss ein afghanischer Student in Berlin den afghanischen Gesandten, den älteren Bruder des Königs. Am 7. September erschoss ein afghanischer Lehrer der Amani-Schule, der mehrere Jahre in Deutschland studiert hatte, in der englischen Gesandtschaft in Kabul einen englischen Ingenieur und am 8. November erschoss ein Obersekundaner der Amani-Oberrealschule, die inzwischen als Nedschat-Schule umbenannt worden war, den König Mohammed Nadir Schah im Schlossgarten von Delkoschah, wo er eine Preisverteilung vornehmen wollte. Direktor Iven weilte gerade in Deutschland. Er eilte sofort nach Kabul zurück und fand die Schule in stärkstem Verruf, die Schülerzahl (zuletzt 683) stark gesunken, den Mörder und den afghanischen Subdirektor der Schule hingerichtet, das Ministerium mit Schule und Lehrern unzufrieden. Nur mühsam ließ sich die Schließung der Schule verhindern. Zahlreiche Schüler der Oberklassen, die zu politisch nicht einwandfreien Kreisen gehörten, mussten die Schule verlassen. Nur langsam hoben sich Schülerzahl und Ansehen wieder.

REIFEPRÜFUNG.

1934 konnte glücklich die erste Reifeprüfung der Schule abgehalten werden. Alle 6 Oberprimaner bestanden sie, zwei mit Auszeichnung, drei mit gut, einer mit genügend. Die Prüfungsarbeiten wurden den zuständigen deutschen Unterrichtsbehörden eingereicht. Das Ziel der Schule war damit dank der treuen Arbeit der deutschen Lehrer in neunjährigem Mühen trotz der schweren Schicksalsschläge, die die Schule getroffen hatten, erreicht. Schulleiter, Lehrer und Schüler sind nun bemüht, das frühere Ansehen der Schule durch treue Pflichterfüllung und erhöhte Leistung wiederherzustellen und die Weiterentwicklung der Schule zum Besten des Landes und der deutsch-afghanischen Beziehungen zu fördern.

 

Dem heimkehrenden Direktor aber sei Dank gesagt für die Zielklarheit, nationale Tatkraft und unerschütterliche Hingabe, mit der er fast 12 Jahre hindurch seines schweren Amtes gewaltet hat und die Schule durch alle Gefahren in eine hoffentlich sichere Zukunft hineingesteuert hat.