Über den Begriff Afghan und Afghanistan

 

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Das Wort Afghan stammt von dem indo-iranischen Begriff apagan ab, das auf Kuschano-Sassaniden-Dynastien um 1.-2. Jahrhundert n. C.  zurückgeht. Danach sind Begriffe wie aughan, apgan und avagana verwendet worden. Die großen Dichter des 9. Jahrhunderts erwähnten in ihren Werken die Bezeichnung Afghan. Insbesondere der berühmte und bekannte Dichter der Ghaznawiden im 11. Jahrhundert Ferdaussi erwähnt häufig die Begriffe Afghan und aughan in seinem Epos Shanama (Königsbrief). In verschiedenen Stellen seines literarischen Meisterwerkes preist er die Heldentaten der Afghanen und die Ursprünglichkeit und Natürlichkeit ihrer Sprachen und Kulturen.

Für die Paschtunen sind verschiedene Fremdbezeichnungen unter anderem Aughan verwendet worden. Ihre Eigenbezeichnung lautet Pachtana oder Paschtana, Pachtun oder Paschtun. Dieser Ausdruck war ursprünglich als Synonyme für die Stämme gebraucht, die Paschtu sprachen.

In Indien des 14. Jahrhunderts wurden die dort angesiedelten Paschtunen als Pathanen bezeichnet, ebenfalls eine Fremdbezeichnung. Die Anführer der Paschtunen-Stämmen haben im 16. und 17. Jhd. versucht, alle als "aughanen" bezeichneten Stämmen zu einen und einen unabhängigen Staat zu errichten. Die bedeutendsten Stämmen waren die Khattak, Jussufzai, Ghazali, Mohmand, Durani, Mahammadzai, Sadozai und Popalzai u.v.m. Seit der gescheiterten Konföderationsbildungen und der gemeinsamen Unabhängigkeitsbestrebungen der Völker dieser Gegend im Kampfe gegen Fremdherrschaft im Mittelalter sowie in Neuzeit (Europäische Aufklärung) waren die geistigen Anführer und Staatoberhäupter selbst Dichter und Literaturliebhaber der beiden iranischen Sprachen Farsi (Dari) und Paschtu. Khuschal Khan Khattakt , Rahman Baba, Abdur Rahman Mohmand waren berühmte Dichter der  Sprache Paschtu. Sie dichteten auch auf Dari. Mirwais Baba, der gescheiterte Staatsmann Afghanistans, verfasste selbst Gedichte und nicht zuletzt Ahmad Schah Baba, vom Stamme Durani, war selbst Dichter der Sprachen Paschtu und Farsi und Liebhaber der persischen Dichtung derart, daß er selbst in persischen Königspalästen gefördert wurden.

Im Jahre 1709 gründete Mir Wais Otakki von dem Ghazali-Stamm in Kandahar ein Reich, das zwar nicht von Dauer war, aber für die Bildung eines künftigen Staates der Afghanen von großer Bedeutung war. Erst unter Durani-Stamm  gründete Ahmad Schah Baba im Jahre 1747 in Kandahar unter dem Namen Afghanistan ein Riesenreich, nachdem er von einem Loya Jirga zum König erwählt wurde. Ahmad Schah Durani verstand unter Afghanistan das Land aller Afghanen. Sein Sohn Timur Schah verlegte die Hauptstadt von Kandahar nach Kabul. Der Begriff Afghan wird seither als Staatsbürger Afghanistans verwendet. 

Paschtunwali ist nicht nur das Ehrenkodex der Paschtunen, sondern auch die Grundprinzipien ihres Stammesrechts. Gastfreundschaft,  Asyl, und Jirga sind die traditionellen kulturellen und gesellschaftlichen Normen. Das indo-iranisches Wort Jirga bedeutet Disput, Streit, Diskussion und Gespräch. Jirga wird  beim Auftritt eines Problem selbst innerhalb einer Sippe gar innerhalb einer Großfamilie einberufen. " Jirga" wird auch für die Verhandlung um Kaufpreis in Bazar bezeichnet. 

Jirga, diese traditionelle Form der Konfliktlösung, ist ein bewährtes Instrument, um z.B. die Blutrache zwischen zwei Stämmen durch Asyl und Gastrecht zu kompensieren. Bei größeren Problemen und Krisensituationen werden örtliche Jirgas abgehalten. Loyia Jirga (Großer Disput) wird einberufen, wenn es sich um größere nationale Angelegenheit geht. Seit der Roshanie-Bewegung im 16. Jahrhundert sind Jirgas abgehalten worden, als die Khattak- und Jussufzai-Stämmen, die Vorkämpfer der nationalen Identität der Afghanen, sich zeitweise einten und für die Unabhängigkeit ihrer Stämme kämpften.

Der König Ahmanullah hat diese wertvolle Tradition, Loya-Jirga (Große Ratsversammlung) zu einem politischen und staatlichen National-Gremium ausgebaut. Während seiner 12jährigen Regierungszeit hat der moderne König wiederholt versucht, durch Einberufungen der Loya Jirga den Grundstein einer Rechtstaatlichkeit in Afghanistan zu legen. Die drei Farben der afghanischen Flagge, die die drei Perioden Afghanistans (Antike, Mittelalter und Neuzeit) symbolisieren, wurden in der 1928 einberufenen Großen Versammlung (Loya Jirga) verabschiedet.