Geldbusse, Lohnkürzung und Amtsenthebung wegen Verwendung von Dari-Begriffen in Afghanistan

afghan-aid

 

Kabinett machte die Entscheidung rückgängig

Drei Tage vor Ladung des Kulturministers, Karim Khoram, vor dem Kulturausschusses des Parlaments  machte "der Ministerrat" (das afghanische Kabinett) die Entscheidung des Kulturministers rückgängig. Das Kabinetts ordnete an, die auch Dari-Fassung der Nationalgalerie zu gebrauchen.

Diese Entscheidung des Kabinetts sei eine Art versteckte "Bestechung". Somit versucht die afghanische Regierung die Schaden zu begrenzen, die ihr Minister für Kultur und Information verursacht hat.     

Der Minister für Information und Kultur hatte am 12.02.2008 Negarestan e Melli (Dari bzw. Farsi) in "Gallery e Milli " umbenannt, mit der Begründung, "Negarestan Melli" sei ein "Fremdwort" und "unislamisch". Negar (bedeutet auf Dari bzw. Farsi "Gemälde" bzw. "Bild" und "estan" bzw. "istan" bedeutet "Ort", "Land" ). Die Umbenennung des Ministers lautete: "Gallery Melli" (Englisch + Dari).

Zuvor hatte sein Ministerium in der Provinz Balch  einem Intendanten , einem Chefredakteur Lohnkürzungen auferlegt und einen Journalisten beurlaubt. Sie wurden bezichtigt, von "fremden und unislamischen Wörtern " verwendet zu haben. Sie haben statt Begriffe aus der Sprache Paschtu, ihre Entsprechungen aus der Sprache Dari bzw. Farsi gebraucht.

Gegen die Entscheidung und Strafmaßnahmen des Ministers haben die Sprecher der Sprache Dari in Afghanistan und im Ausland protestiert.

Namhafte Sprachwissenschaftler, Dichter und Schriftsteller, wie Dr. Latif Nazemi, Dr. Akram Osman, Dr. Wasef Bachteri u.v.a. haben ihre Meinung darüber zum Ausdruck gebracht, dass   "Dari",  "Farsi" und "Tadschiki"  die drei Bezeichnungen der eine und  dieselbe Sprache bezeichnen. 

 

http://www.8am.af/mashroh/1386/dalw/issue217/22.html

Safiullah Aminzada, Kabul

BBC, 14.02.2008

Protest der landesweiten Journalistenvereinigung Afghanistan gegen die Strafmaßnahmen des afghanischen Ministeriums der Kultur.

Kürzlich hat das Ministerium für Information und Kultur einem Journalisten in der Provinz Balch Strafmaßnahmen auferlegt, weil er statt Begriffe aus der Sprache Paschtu zu gebrauchen, ihre Entsprechungen in Dari (persische Sprache) verwendet hat.  (In Afghanistan wurde Farsi 1964 in "Farsi e Dari" und später in "Dari" umbenannt. mehr)

Fahim Daschti, der Sprecher der landesweiten Journalistenvereinigung Afghanistan bezeichnete die Strafmaßnahmen des Ministeriums für Kultur als verfassungswidrig und forderte den Präsident des Landes auf, solche Maßnahmen zu unterbinden. 

Die Vereinigung appelliert an alle afghanische und internationale Organisationen und Institutionen, sich für die Pressefreiheit und die freie Betätigung der Journalisten einzusetzen und sich gegen die Strafmaßnahmen des Ministers für Kultur in Afghanistan zu wehren und von allen erdenklichen Möglichkeiten Gebrauch zu machen, um solche Maßnahmen künftig zu verhindern. 

Rahnurd Zariab, senj. Berater der Vereinigung bezeichnete die Entscheidungen des Ministeriums als gegen die nationalen Belange gerichtet und bewertete die Maßnahmen als Versuche, die Identitäten der in Afghanistan lebenden anderen Völker und Ethnien zu beeinträchtigen. 

In den letzten Tagen rügten mehrere (Institutionen und Organisationen) den Minister und  brachten ihre Einwände gegen seine Maßnahmen  zum Ausdruck, die er drei Journalisten auferlegt hat.

Haron Nadjafizada, Mazar

BBC, 10.02.2008

Das Ministerium für Information und Kultur hat einem Journalisten und zwei Redakteuren in der Provinz Balch (Baktra) deshalb Geldbußen auferlegt, weil sie die persischen Begriffe also Begriffe aus der Sprache Dari (1) verwendeten.

Der für Information und Kultur zuständige Minister Karim Khoram widersprach zwar dem Bericht über die Entlassung des Journalisten Basir Babai, jedoch sagte er der BBC, dass die örtliche Verwaltung für Information und Kultur ihn bis auf weiteres von seinem Amt suspendiert habe.

Diese Konsequenz hat seine 20jährige Arbeit bei RTA in Frage gestellt. Dr. Zabiehullah Fetrat, Intendant des staatlichen Fernsehens in Balch, und Daud Ahmadi, Chefredakteur für Nachrichten des RTA in Balch, sind auch wegen des gleichen "Deliktes" mit Bußgeld geahndet worden.

Basir Babai wurde suspendiert, weil er in einem Bericht des Nationalen Fernsehens statt der Begriffe in Paschtu ihre Entsprechungen in Farsi bzw. Dari verwendete.

Babai wurde wegen Benutzung von „Fremdwörtern“ angemahnt. Dagegen erwiderte Babai, dass er nur Begriffe aus seiner Muttersprache nämlich Farsi bzw. Dari, eine der Amtsprachen des Landes, verwendete. Babai sagte der BBC, dass die Strafmaßnahmen des Ministeriums ungebührlich und ungerecht seien. Die Anweisung des Ministers gehe auf seine Intoleranz zurück, dass Afghanen ihre Muttersprache nicht gebrauchen dürften. Der Journalist fügte hinzu, dass diese Maßnahmen wegen der Verwendung von Begriffen aus seiner Muttersprache und aus einer der Landessprachen sehr lächerlich und seltsam seien.

Dagegen meinen die staatlichen Administrationen, dass Babai absichtlich von „fremdsprachlichen Ausdrücken“ Gebrauch mache, dass diese im Land geläufig würden.

Farhad Azami, Universitätsdozent und Mitglied im Provinzrat bezeichnete diese Anweisung des Ministers als „rechtswidrig“. Beide Sprachen, Farsi bzw. Dari und Paschtu, sind in der Verfassung als „Amts- und Landessprachen in Afghanistan“ verbrieft. Vor dieser Maßregelung hat das Ministerium einige Kulturstätte, die bis jetzt mit Begriffen in Dari benannt wurden, umbenannt wie z.B. Negarestan e Melli  (Dari) in „Gallery (englisch) e Melli“.

Manche Sprachwissenschaftler haben ihre Sorge um die Sprache Dari zum Ausdruck gebracht. Derzeit wird in Afghanistan eine heftige Kontroverse um Dari und Farsi geführt. Manche versuchen, Dari und Farsi als zwei unterschiedliche Sprachen zu erklären. Sprachwissenschaftler haben stets hervorgehoben, dass es sich bei Dari und Farsi um ein und dieselbe Sprache handelt.

Außerdem hat Basir Babai statt Begriffen auf Paschtu ihre Entsprechungen auf Farsi verwendet. Somit hat er von „Fremdwörtern“ Gebrauch gemacht, so die offiziellen Stellen des afghanischen Ministeriums für Kultur.

Unterdessen ist der Minister für Kultur und Information deswegen am kommenden Dienstag von der für Kultur zuständige Kommission des Parlaments geladen worden, um von der Kommission über seine Strafmaßnahmen befragt zu werden.

Der Kommissionsvorsitzende, Mohammad Mohaqeq, sagte der BBC, dass Minister Khoram vor der Kommission nicht nur wegen seiner Maßnahme in Balch geladen worden sei, sondern es gäbe weitere sechs Anhaltspunkte wegen seiner Maßnahmen bezüglich der Tilgung der Begriffe der Sprache Dari aus dem Sprachgebrauch seines Ministeriums.

Mohaqeg ist der Auffassung, dass laut Verfassung Zeitungen und Massenmedien frei sind, ihre Meinungen in allen in der Verfassung verankerten Sprachen zu veröffentlichen. Daher sind die Anordnungen des Ministers u.a. bezüglich der Tilgung von Begriffen in der Sprache Farsi bzw. Dari gegen die Verfassung Afghanistans. 

(1) Dari ist die Schrift- und Standardsprache des Neupersischen. Farsi wurde 1964 während der Herrschaftszeit des Paschtunenkönigs Zahir Schah in Dari umbenannt und in der Verfassung von 1964 verankert. Der König konnte aber kein Paschtu. Er gehörte zu den 30% der Paschtunen, die in Afghanistan nur in Farsi sprechen. Diese  Verfassung hat Paschtu als eine Art Nationalsprache ausgewählt. Dari ist eigentlich die Altbezeichnung des Neupersischen (ab ca. 9. Jahrhundert n. C., davor Mittelpersisch (Pahlavi), davor Altpersisch. Dari war und ist die ethnienübergreifende Sprache in Afghanistan, Tadschikistan und im Iran. Mit dieser Sprache können alle Ethnien und Stämme auch in  Afghanistan untereinander kommunizieren. Gemäß der Verfassung von 2004 sind beide Sprachen (Paschtu und Dari) die Amts- und Landessprachen (Nationalsprachen) in Afghanistan.  

Bei den Begriffen Dari und Farsi handeln sich um eine und dieselbe Sprache wie z. B. die englische Sprache in England,  in Amerika und in Australien. Auch die deutsche Sprache wird in Deutschland "Deutsch", in Österreich "Österreichisches Deutsch",  in der Schweiz (Schweizer Hochdeutsch) und in englischsprachigen sowie in einigen anderen Ländern des Globus "Germany" und in Ländern mit überwiegend romanischen Sprachen  "L' allemand" bzw.  "Idioma alemán" genannt )

 

Farsi Dari in Schlachtfeld der Sinnesverschleierung

BBC : von Aziz Hakimi, 12.02.2008

Die Sprachexperten sind der Auffassung, dass Dari und Farsi nicht zwei unterschiedliche Sprachen sind, sondern eine Schriftsprache, die in verschiedenen Ländern anders benannt wird (seit 1964 in Afghanistan: Dari).

In Afghanistan bezeichnet man diese Sprache als Dari und in Iran und Tadschikistan als Farsi. Die Sprache in Afghanistan hat verschiedene Mundarten wie

Kabuli, Herati, Badachschani, Hazaragi, Balchi, Aimaki Dehwari

die Mundarten im Iran: Teherani, Kermanschahi, Qazwini, Sistani, Khorassani, Bordjardi und die Mundarten in Tadschikistan sind: Khodjandi, Kulabi, Darwazi, Bucharai.

Obwohl es in den Mundarten wie auch in der Schriftsprache einige Unterschiede gibt, zumal Farsi in Tadschikistan mit dem kyrillischen Alphabet geschrieben wird, die Regel der Grammatik sind in allen Sprachprägungen der Sprache Farsi gleich. In letzter Zeit wird in Afghanistan über die Unterschiede zwischen Dari und Farsi sehr lebhaft diskutiert. Die Maßnahmen und Geldstrafen (Lohnkürzungen) des Ministers für Kultur, die er Basir Babai aufgrund der Verwendung von Farsi-Begriffe auferlegt hat, zeigen die Ernsthaftigkeit und Zuspitzung der Kontroverse.

Das Ministerium für Kultur bewertete die Benutzung von Begriffen aus der Sprache Dari bzw. Farsi „gegen die kulturellen und islamischen Prinzipien“. Dies Bewertung hat das Ministerium in einer Zeit vorgenommen, als es „Negarestan Melli“ (Dari) in ein bilinguales  „Gallery Melli“ (Dari und Englisch) umbenannt hat.

Die Experten sind der Auffassung, dass das Hauptproblem der heutigen Sprache Dari der Mangel an einfachen standardisierten Begrifflichkeiten der Sprache ist und nicht, dass die Verwendung von Begriffen als „Kulturelle Angriffe“ gedeutet werden, wie das der Minister für Information und Kultur deutet.

Die Heftigkeit der Kontroverse und die Stellungnahmen über die Sprachendiskussion haben Experten, Sprachwissenschaftlern und Massenmedien Sorgen bereitet. Sie weisen darauf hin, dass die Ursachen derartiger Diskussionen in politischen Konflikten (bei einer optimistischen Sichtweise) und pessimistisch ausgedrückt in ethnischen Konflikten liegen. Solche Handlungen können zur Polarisierung beitragen. Dagegen kann die Standardisierung der Begrifflichkeiten in der Verwendung der Sprache Dari zur Lösung des Sprachproblems beitragen.

Sprache ist kein statisches Phänomen sondern eine dynamische Erscheinung und verändert sich gemäß der Veränderungen der Gesellschaft und der Anforderungen neuer Generationen im internationalen Kontext. Staatliche Kontrolle und Überwachung können die natürliche Sprachveränderung und Sprachentwicklung nicht eindämmen und nicht verhindern, insbesondere wenn die neuen Begriffe in den Massenmedien Anwendung finden. Die Sprachentwicklung geht mit der Vergrößerung ihres Wortschatzes einher. Es ist nicht verboten, Fremdwörter zu benutzen. Die Bereicherung der Sprache Farsi liegt gerade darin, dass sie so viele Fremdwörter z.B. aus dem Arabischen entlehnt hat. Die Bereicherung der Sprache Englisch geht u.a. auf die Entlehnung von verschiedenen Begriffen der fremden Länder und auf lateinische Wörter zurück. 

Afghanische Sprachwissenschaftler vertreten die Auffassung, dass die Pragmatik der Sprache Dari ohne eine kompetente Institution für die Sprache Farsi bzw. Dari stets unter den positiven oder negativen Interessen der Machthaber stehen und je nach deren Sprachkenntnissen die Sprache Dari Opfer ihrer Handlungen und Machtinteressen würde. 

Ein Freund sagte mir sarkastisch, dass Afghanen, die im Iran waren, persische Ausdrücke statt der Wörter in Dari verwenden, und als Beispiel führte er den Begriff „Schalwar“ (Iran) (Hose) statt „Patlon“ (Afghanistan) an. Er dachte, Schalwar sei Farsi im Iran und Patlon sei Dari in Afghanistan. 

Interessant ist, dass der Begriff Schalwar durch und durch Dari ist, etymologisch auf eine mindestens 1000-jährige Wortgeschichte zurückblickt und ist von Dari-Dichtern z.B. Nasser Khossrau Balchi ((1003-1078 n. Chr) verwendet worden, während „Patlon“ vom italienischen Wort  „pantaloni“ stammt. Wie die meisten anderen Fremdwörter in Afghanistan wurde auch dieses Wort durch eine Silbenverschiebung heimisch gemacht  z.B. Istafil zu Istalif. , Volkswagen zu Vlokswagon, Horn zu Haran oder Harang (Hupe), Do-Tscharcha (Zweirad, Dari, Iran) zu Bicycle (Dari? Afghanistan) usw.