Rückkehr von Tschar Schanba e Suri („Mittwochsfeuer“)

-Feuer am Vorabend des letzten Mittwochs vor Nauroz-

 

afghan-aid
 

Von dem BBC – Korrespondenten Satar Sayedi

15.03.2005 

Der letzte Diensttagabend vor dem Nauroz-Fest am 21. März wird Tschar Schanba e Suri („Mittwochsfeuer“) genannt. An diesem Abend entzündeten die Jugendlichen in Afghanistan wieder Feuer und sprangen darüber und tanzten darum herum und feierten die ganze Nacht mit Gesängen und Freudentänzen.

Teile der Bevölkerung und in einigen Regionen, insbesondere in den westlichen Provinzen des Landes feierten auch in der Vergangenheit diesen Tag, obwohl das Begehen dieser Vorfestnacht in Vergessenheit geraten schien.

 Mittwochsfeuer in Ariana bis Afghanistan

 Der Name „Tschar Schanba e Suri“ ist inzwischen in Afghanistan landesweit nicht mehr geläufig, jedoch gibt es eindeutige historische Hinweise darauf, dass die Gebräuche um Nauroz (Neujahr) und die Yalda-Nacht (kurz vor Geburt Christi bzw. Zeitpunkt, an dem der Tag beginnt, länger als die Nacht zu werden ) zu den traditionellen Festen der Bewohner von „Ariana“ (Altiran) zählten. Afghanen begingen diesen Brauch in den alten Zeiten bis zu Teilungen und staatlichen Grenzziehungen.

Abdul Ghani Nekosair, ein afghanischer Historiker sagte: „Die heutigen Staaten Iran, Afghanistan und Tadschikistan bildeten einst das Riesengebiet Ariana (Altiran). So feierten die Einwohner auf dem Boden des heutigen Afghanistan sämtliche Gebräuche und Feierlichkeiten der damaligen Zeit u.a. das Anzünden von Feuer am Vorabend des letzten Mittwochs des Monats Fische.“

 Nekosair fügte hinzu, dass - abgesehen von diesen historischen Hinweisen - er selbst sich gut daran erinnern kann, dass vor nicht allzu langer Zeit die Bevölkerung in den westlichen Provinzen des Landes, insbesondere in der Provinz Herat vor wenigen Jahrzehnten bereits das Fest mit dem Anzünden des Mittwochsfeuers beging. Das Feuer wurde von „Dochtarane Dambacht“ (wörtlich „um Schicksal verwünschten Mädchen“) also von den ledigen Mädchen und Frauen vorwiegend gefeiert, besonders auch wegen der unglücklichen Deutung von  der „Fal e Hafis“ (der Orakelbefragung von Hafis Divan).(1)

Nekosair fuhr fort: „Vor allem diese jungen Frauen sprangen über das Feuer. Dabei wünschten sie sich verständnisvolle Ehemänner und trugen folgende Verse vor: ‚deine Sorchi (das Rot) von mir, meine Zardi (Gelbe) von dir“ .„Gib mir deine rote Farbe und nimm meine Gelbe“ symbolisiert in diesem Zusammenhang die „Rote Farbe“ Jung und Lebhaftigkeit und das Wort „Zardi“ bedeutet in Farsi auch Gelbsucht. Sie stiegen aufs Dach und warfen Wasserkrüge hinab, um die Sorgen und Probleme des vergangenen Jahres von sich zu verbannen und sich Glück und Wohlergehen zu wünschen.

Traditionelle Feierlichkeiten durch Krieg beeinträchtigt

In den Jahren des Krieges und Konfliktes dachte die Bevölkerung in Afghanistan nur an ihr nacktes Dasein und Überleben. Wegen des Feuers des Krieges und der Trauerstimmung hatten sie keine Veranlassung und auch keine Muße, ihre traditionellen Feste u.a. das Mittwochsfeuer anzuzünden.

Die Taliban waren während ihrer sechsjährigen Herrschaft gegen traditionelle Feste, da ihrer Meinung nach solche Gebräuche und Feierlichkeiten wegen des Nauroz-Fests „unislamisch“ seien.

Fest der Feueranbeter

Die Fundamentalisten um die Taliban sind der Auffassung, dass solche Sitten und Gebräuche wie z.B. das Anzünden von Feuer am Vorabend des Mittwochs auf Zoroaster und seine Anhänger, die Feueranbeter, zurückgehe.

Nach Überzeugung der Taliban begeht jeder eine „Sünde,, der an Nauroz ein neues Kleid anzieht“. Auch das Äußern gegenseitiger Glückwünsche sei nach Ansicht der Taliban ein heidnisches Verhalten. Sie setzten auf dem Sonnenjahr beruhenden mehreren Jahrtausend alten Kalender außer Kraft, wonach das Neujahr stets auf einen fixen Tag, nämlich am Frühlingsanfang, auf den 21. März fiel und führten den auf dem islamischen Mondjahr basierenden arabischen Kalender als staatliche Zeitrechnung ein.

In solch einer Atmosphäre war unmöglich, die Neujahrfeierlichkeiten entsprechend der traditionellen Gebräuche selbst in den westlichen Provinzen öffentlich zu feiern.

Ein Anlass zum Feiern

 Seit dem Fall der Taliban vor drei Jahren ist das Nauroz-Fest rehabilitiert. Die Tradition wird nun von der jungen Generation gepflegt. Besonders junge Menschen, die während des Krieges ihr Dasein als Flüchtlinge im Iran fristeten und heute ins Lande zurückgekehrt sind, betrachten diese Tradition als einen Anlass zu Freude und Feier. Junge Menschen in der Nachkriegszeit zünden gerne in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch Feuer an, um die Jahre von Blei und Pulver zu vergessen.

 (1). Fale Hafis (Orakelbefragung von Hafis). In Afghanistan schlagen in den Wintertagen die ledigen Frauen und Mädchen das Divan von Hafis auf, schließen ihre Augen, deuten mit ihrem Zeigefinger auf beliebige Verse des Meisters der Liebesgedichte. Die Verse werden von einer Frau in der Runde interpretiert. Diese Verse sagen so unter Umständen günstige Heiratschancen voraus. Ü)

Weitere Informationen über Nauroz:

www.afghan-aid.de/Nauroz_Zeremonie.htm

 

 

 übersetzt von Dr. Mir H. Sadri