Der Ton macht die Musik

Über die afghanische Nationalhymne und die Nationalflagge

afghan-aid

Laut Artikel 20 des neuen afghanischen Verfassungsentwurfs wird die Nationalhymne in der Sprache Paschto verfasst.

Ich bin sehr froh, dass die traditionelle Versammlung der afghanischen Völker, Loya Jirga (Große Ratversammlung), vielmehr auf Konsens gerichtete Versammlung ist und nicht auf Abstimmung. Denn es ziemt sich einfach nicht, dass die Delegierten dieser Enklave in Afghanistan über Artikel 20 des Verfassungsentwurfs abstimmen und dabei die Nationalhymne auf Paschto ablehnen würden. Denn Paschto ist ebenfalls eine der ältesten Sprachen des Landes. Es wird beinahe von 20 Millionen diesseits und jenseits der afghanischen Grenze gesprochen.

In der Tat ist Afghanistan ein Vielvölkerstaat. Laut Aussagen der Ethnologen und Sprachwissenschaftler werden in Afghanistan über 200 Sprachen und Dialekte gesprochen, von denen sieben Sprachen namentlich in dem Verfassungsentwurf verbrieft sind. Jede von ihnen ist es wert, nicht nur gefördert zu werden, sondern auch fähig, mit ihren eigenen Wörtern den Lobesgesang auf die Heimat zu singen.

Es wäre wünschenswert, wenn Loya Jirga die Dichter und Denker, Musiker und Metriker aller Sprachen in Afghanistan anregen würde, für die auf Paschto verfasste Nationalhymne entsprechende Übersetzungen in sämtlichen Sprachen des Landes anzufertigen. Denn es kommt bei dieser Akzentsetzung auch auf die tonale und musikalische Akzentuierung.

Der Gemeinsamkeit eines gewissen Nationalgefühls kann durch den Gesang und Sinn Rechnung getragen werden. Denn es geht bei einer Nationalhymne in erster Linie um Sinn , Musik, Melodie und Metrik.

Ferner sind die Begriffe „Watan, Maiyan“ (Land, Heimat), „Hadalat“ (Gerechtigkeit), Braderi (Brüderlichkeit), Barabari“ (Gleichheit), „Asadi“ (Freiheit), Esteqlal (Unabhängigkeit) und schließlich „Eslam“ (Islam) und Demokraci (Demokratie) in allen Sprachen unseres Landes gleichlautend. Schließlich stammen fast alle Sprachen des Landes aus einer Sprachfamilie, die als „indo-iranischer Zweig der indo-europäischen Großfamilie“ bezeichnet wird.

Alle Völker Afghanistans können sich dann mit der Nationalhymne identifizieren und in ihrer jeweils eigenen Muttersprache den Sinn des gleichen Textes miteinander in musikalischer Variation harmonieren, falls z.B. staatliche Fernsehsendungen ihr Programm beenden oder ein Staatsbesuch angesagt ist.

Darüber hinaus ist die sprachliche Zugehörigkeit nicht an ethnische Zugehörigkeit geknüpft. Die sprachbegabten Afghanen können beide Amtssprachen hervorragend sprechen, auch wenn es eine Vielzahl von Paschtunen gibt, die nur Dari sprechen können und umgekehrt. Mittlerweile gibt es kaum Sprachbarrieren, die verantwortlich für die gesellschaftlichen und sozialen Konflikte gemacht werden müssen. Da spielen andere Faktoren eine Rolle.

Die ständige Veränderung der Nationalhymne und der Nationalflagge hat immer wieder der langsam knospenden Bildung der nationalen Identität und Einheit in Afghanistan stark beeinträchtigt, so dass dieses Gefühl nur rudimentär hier und da zu sehen war und möglicherweise auch ist.

Mit den Farben und proportionalen Längenmaßen der Nationalflagge hat es doch geklappt. Besonders waren alle Stämme des Landes mit der schwarz-rot-grünen Flagge einverstanden, die während der Regierungszeit des König Amanullah 1919-1928 konzipiert wurde und auf Mahmud Tarzi`s Initiative zurückging. Die Reaktivierung dieser Flagge kann auf jeden Fall nicht hoch genug gewürdigt werden und da haben sich alle geeinigt. Den drei großen Geschichtsperioden des Landes können dadurch Rechnung getragen werden.

Die Flagge von Reformkönig Amanullah (Sep.1928-Jan 1929)

 

Grün bzw. Gelb soll die Farbe der Flaggen des alten Baktrien und Gandahara gewesen sein, Rot die der Gaznawiden (Mittelalter) sowie die Farbe der afghanischen Monarchien.

Die Flagge von Sultan Mahmud von Ghazna (971-1030)

und schließlich war ab 18. Jahrhundert (Neuzeit) schwarz die Farbe der Flagge der Durani-Dynastie von Ahmad Schah Baba bis Habibullah Khan, dem Vater von Amanullah Kahn.

So ähnlich die Flagge der Durani-Barekzai-Dynastien

 

Diese Perioden sind in der heutigen Flagge gleichberechtigt betrachtet, da die Längen- und Breitenmaße der einzelnen Abschnitte der Flagge gleich groß sind.

Meinetwegen sollen die Erklärungen der populären Politiker auch berücksichtigt werden, dass die Farbe schwarz als „dunkele Zeiten der Vergangenheit“, rot als Symbol des Krieges und Widerstands und grün als Symbol der Prosperität fungierten. Doch für die Erhellung der dunklen Zeiten ist es an der Zeit, die offenen, verborgenen und zerstörten Schätze und wertvollen Symbolen der afghanischen Völker der internationalen und afghanischen Gemeinschaft näher zu bringen, sie gegebenenfalls zugänglich zu machen, sie zu schützen und sie endlich wiederherzustellen.

Deshalb wurden die einfarbigen Flaggen, die rote Flagge der prosowjetischen Regierung, und die schwarz-weiße Flagge des Taliban-Regimes nicht von den Völkern Afghanistans angenommen und respektiert.

Es ist allerdings sinnvoll, dass die afghanische Nationalhymne viel mehr auf Menschlichkeit, Freiheit, Gleichberechtigung, Sittlichkeit, Gerechtigkeit und Demokratie gerichtete allgemeingültige Aussagen enthält, mit denen alle afghanischen Stämme und Völker etwas anfangen können. Sinnvoll ist es auch, wenn die Menschenhand das Gottes- und Menschenwerk (Natur, Mensch und Kultur des Landes) nicht zerstört, damit er „nach Afghanistan nicht nur zum Weinen kommt“.

Dabei sind Empfehlungen nicht unpassend, die Nationalhymne von 1919 zu reaktivieren. Denn damit verbinden die Völker Afghanistans ihre wertvollen Erfahrungen: nämlich das Ende der offiziellen Sklavenhaltung (bis dahin konnte sich die herrschende Gesellschaftsschicht Sklaven aus den Reihen der Hazara halten), die Gleichberechtigung der Frau und die Proklamation der Unabhängigkeit des Landes. Daher sind zu verstehen, warum die afghanische Ethnie der Hazara insbesondere den Paschtunen Amanullah Khan schätzte und liebt.

Zu empfehlen ist , dass als erste Strophe der Nationalhymne jenes berühmte Gedicht von Sá di in Paschto steht, das selbst in Deutsch in drei Variationen übersetzt ist. Das Gedicht ist zeitlos.

Mit der Nationalhymne sollten derart kreiiert werden, damit  Völker und ethnische Gruppen, unabhängig von ihrer Rasse, Religion und soziale Stellung sich identifizieren können.

Als zweite Strophe, ebenfalls zeitlos, könnte ein Gedicht von Rahman Baba in Dari stehen und schließlich als dritte Strophe ein Gedicht aus der heutigen modernen Zeit. Dichter und Denker sind nun am Zug. Übergangsmacht schafft sicherlich die Voraussetzungen dafür.

Hier die verschiedenen Übersetzungen des Gedichtes:

Die Adamskinder sind miteinander wie Glieder eines Körpers
Von der Schöpfung her sind sie von einer Essenz
Bringt das Schicksal ein Glied zum Schmerzen
Die anderen Glieder lässt es nicht ruhig
Falls du sorglos mit ihren Belangen umgehst
bezeichnet man dich nicht als Mensch

Folgende Übersetzung  stammt von Karl Heinrich Graf, das von Dieter Bellmann (hrsg.) überarbeitet und in Carl Schünemann Verlag Bremen, 1982 erscheinen ist

Die Menschenkinder sind ja alle Brüder
aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder
hat Krankheit nur einzig Glied erfasst
So bleibt anderen weder Ruh und Rast
Wenn anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennt
verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt"

Von diesem Gedicht Sa'dis gibt es eine wunderschöne Übertragung ins Deutsche aus der Feder von Dr. Salamat Schiftah. „Ich habe sie aus der Zeitschrift "Kultur-Journal", Zeitschrift für Afghanen und Deutsche, Hrsg. Afghanistan-Zentrum e.V., Bonn, 1/2002, entnommen.", schreibt Aglaja Beyes-Corleis am 05.01.2003 im (Afghan-German Online)

Als Adams Nachfahr'n sind wir e i n e s Stammes Glieder.
Der Mensch schlägt in der Schöpfung als Juwel sich nieder.
Falls Macht des Schicksals ein Organ zum Leiden führt,
sind alle andern von dem Leid nicht unberührt.
Wenn niemals Du in Sorge um den andern brennst,
verdienst Du nicht, dass Du Dich einen Menschen nennst.

Aus dem "Golestan"  (Blumengarten bzw. „Rosengarten)) von Moscharrafuddin ibn e Moslehuddin Sá di, geb. zwischen. 1213 und 1229 in Schiraz,  gestorben 9.12.1292 n.C.