Zum 1060. Jahrestag von Schakor Balchi `s „Aferin-namah“ (Lobebrief)

afghan-aid
 

Afghanistan konnte in diesem Jahr die veröffentlichten Fragmente des 1060 Jahre alten „Aferin-namah“ (Lobebrief)  von Bu Schakor feierlich begehen. 

Bu Schakor ist einer der großen Dari-Dichter, der in der Zeit der Samaniden Anfang des 10. Jahrhunderts in Balch das Licht der Welt erblickte und somit zur Entwicklung der Dichtform des Dari (im Iran und Pakistan sowie in Indien „Farsi“, in Tadschikistan „Dari bzw. Farsi Tadschiki und in Afghanistan offiziell Dari bezeichnet) beitrug. Mit seinem Werk „Aferin-namah“ ebnete er den Weg für eine Literatur des Hofs, die sich für Moral und Mythologie sowie für Mystik und Metrik einsetzte. 

Obwohl über seine Person kaum Daten existieren, wann er genau geboren und gestorben ist, ist jedoch bekannt, dass er sein  Werk  „Aferin-namah „(Lobebrief“ = Lobes-Bücher) im Sonnenjahr 333 H.S. (954 n. Chr.) begann und nach vier Jahren im Jahre 958 n. Ch. vollendete. Manche „Taskera-Niewissan“, Biographen, haben sein Geburtsjahr mit 333 H.Q (des islamischen Mondjahres) angegeben. (Derzeit schreiben wir das Jahr 1383 des Sonnenjahres, entsprechend dem 1425 des islamischen Mondjahrs nach der Pilgerfahrt des Propheten Mohammad, so dass 23 Mondjahren 22 Sonnenjahren entsprechen). 

Bu Schakor, der als „Bu Schakur e Balchi“, bekannt ist, soll während der Zeit gelebt haben, in der Abu Abdullah Djafar Rudaki lebte, der als „Vater der Dari-Dichtung“ und als Schöpfer des in Versform gebrachten „Kalila Damna“ (Fabeln in Reimen) bekannt war und geboren in Rudak, in Samarkand (dem heutigen Usbekistan). Ebenfalls Themen von Abu Schakor sind die übertragenen Inhalte von  „Kalila Damna“, die die Werte des Wissens und Wissenden hervorheben. Der erste Gedicht von „Kalila Damna“, das auf die „Fünf Bücher“ indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen zurückzuführen ist, heißt: 

Har ke na mocht az gozasht e rozgar

Niez nayamozad ze hetsch Amozgar

 

Wer nichts lernt aus dem Lauf der Geschichte (auch dem Schicksal)

Lernt auch nichts - von keinem Lehrer.

 „Kalila Damna“ gehörte zu den „Pandsch Ketab“ („fünf Büchern“), durch die die afghanischen Kinder während ihrer „primären Sozialisation“ in den Dorfschulen und „Koranschulen“, in der „Madchal“ (Vorschule) und in Familien mit besonderem Spaß lesen und schreiben lernten. Denn diese Tierdichtung in Versform nahm besonders wirklichkeitsnah die menschlichen Unzulänglichkeiten und Verhaltensweisen, die sozialen Zustände und politischen Vorgänge auf die belebte humorvolle, satirische Weise mit moralisch-belehrenden und unterhaltenden Effekten aufs Korn, ohne dabei jemanden weh zu tun. 

Leider sind mit der Entwicklung und dem Boom der modernen Schulbildung seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts diese bewährten Mittel und Möglichkeiten der traditionellen Erziehungshilfe stark vernachlässigt worden. Der Urschrift des „Kalila Damna“ (1) stammt ursprünglich aus dem Sanskrit und hieß in Indien „Panja Tantra“ (Fünf Sinne oder Fünf Musen) und war auch der Name der verschiedenen Ausgaben der Sanskrit-Bücher, die offenbar 2000 Jahre alt sind. Daher ist es nicht ausgeschlossen, dass der heutige Begriff "Tantra" auf jene Tantras  - Meditation – Musik, Tanz , Tiere und Opfergabe zurückzuführen ist. 

Vieles spricht dafür, dass Abu Schakor vor dem berühmten, ebenfalls in Balch (Provinz Baktrien) im Jahre 955 bzw. 958 n. Christus geborenen, mit 33 Jahren ermordeten Dichter Abu Mansur Mohammad Daqiqi (gestorben im Sonnenjahr 367 H. bzw. 370 (988 bzw. 991 n. C.) wirkte, der der zoroastrischen Religion angehörte. Falls er von einem „Schahnamah“ gehört haben soll, ist mit hoher Sicherheit „Schahnamah“ von Daqigi gemeint. Ferdaussis Aussagen nach stammen die ersten tausend Verse seines in Ghazni verfassten Monumentalwerks, Schahnamah“aus der Feder des Meisters von „Kassida“ (Elegie), Dagigi Balchi. 

„Aferin-namah“ beinhaltet Lobeslieder über die Macht des Wissens, der Sprache, der Literatur sowie über die Kunst und Kultur. „Aferin-namah“ ist in gebundener Sprache verfasst. Die Gedichte, die lobenswerte Erscheinungen des sozialen Geisteslebens würdigen, gehören zu der unvergesslichen Literatur des Kulturkreises, die in Fragmenten noch existieren und in Sekundärliteratur zu lesen sind. Mit einfachen Gedichten hat der Meister der Literatur des Dari komplizierte Phänomen in einer einfachen und der Bevölkerung verständlichen Sprache geschrieben. Er lobte das, was tatsächlich lobenswert ist. Hier einige Beispiele seiner Gedichte:

 

Lob dem Wissenden

Der Wissende gleicht einem König

Und hat überall Macht.

Er ist gewappnet mit Wissen

Trieb und Wunsch sind ihm ergeben.

Damit entdeckt er die Welt,

wie verwoben und gewoben sie ist.

Wissenden gehören jeder Gruppe an.

Sie sind reich und sind freundliche Wegweiser

Der Wissende schaut in sich hinein

und wird von allen respektiert

der Wissende gewinnt mit seinem Wissen Gold

 

Lob dem Weisen

Bemühe dich, damit du rasch Wissen erwirbst.

Wenn du Wissen hast, bist du mächtig.

Der ist nicht mächtig, der herrscht

sondern der, der die Macht des Wissens hat.

Siehst du nicht, dass selbst die Könige

sich von den Wissenden beraten lassen?

Deinen Schatz kann der Gegner stehlen,

doch dein Wissen schützt dich allenthalben.

 

 Lob der Sprache

Die Worte, die nicht Worthülsen sind

können das Fundament werden, selbst wenn es niedrig ist

Wenn die Weisen sprechen und ihr Gesprochenes wohl formuliert ist,

werden ihre Worte zum Gleichnis.

Die Rubine von Badachschan bleiben höchstens am Fingerring,

Während für dein geringes Wissen jeder überall Kunde wird.

Usbekistan, Tadschikistan, Iran und Afghanistan im Besonderen und die Weltliteratur im allgemeinen können froh und glücklich sein, den Meister von Panegyriken, dessen „Mazar e Schrif“ („edle Grabstätte“) in Balch liegt, und u.a. die obigen seiner Gedichtsfragmente als ihr gemeinsames Literaturerbe zu bezeichnen.

 

ﺒﻭﺸﮐﻭﺭﺒﻠﺨﻰ

ﺒﺩﺍﻥ ﮐﻭﺵ ﺘﺎ ﺯﻭﺩ ﺩﺍﻨﺎ ﺸﻭﻯ

ﭽﻭ ﺩﺍﻨﺎ ﺸﻭﻯ ﺯﻭ ﺩﻭﺍﻻ ﺸﻭﻯ

ﻨﻪ ﺩﺍﻨﺎﺘﺭ ﺁﻨﮐﺱ ﮐﻪ ﻭﺍﻻﺘﺭ

ﮐﻪ ﺒﺎﻻﺘﺭﺍﺴﺕ ﺁﻨﮑﻪ ﺩﺍﻨﺎﺘﺭ

ﻨﺒﻴﻨﻰ ﺯﺸﺎﻫﺎﻥ ﮐﻪ ﺒﺭﺘﺨﺘﮕﺎﻩ

ﺯﺩﺍﻨﻨﺩ ﮔﺎﻥ ﺒﺎﺯﺠﻭﻴﻨﺩ ﺭﺍﻩ

ﺍﮔﺭ ﭽﻪ ﺒﻤﺎﻨﻨﺩ ﺩﻴﺭ ﻭ ﺩﺭﺍﺯ

ﺒﺩﺍﻨﺎ ﺒﻭﺩ ﺸﺎﻥ ﻫﻤﻴﺸﻪ ﻨﻴﺎﺯ

ﻨﮔﻬﺒﺎﻥﮔﻨﺠﻰﺘﻭﺍﺯﺩﺸﻤﻨﺎﻥ

 

 

Literaturangaben

  1. Rastgo: „Koran und Hadith in der Sprache Farsi“, 1998
  2. Saffa: „Sprachschatz“: von Rudaki bis Djami, 6. Auflage 1978, I. Bd.
  3. Mahjub: „Über Kalila Damna“, 1970

 (1) In dem von Abdul Ghafor und Frau Breshna geb. Neufeind  konzipierten deutschen Lesebuch  für Schüler der Amani-Oberrealschule, zu ihrer Zeit, Nedjat-Oberrealschule und Schülerinnen der Malalei-Mädchengymnasium sind einige Fabel ins Deutsche übertragen.

von Dr. Mir Hafizuddin Sadri